Fatal für einen, der Schriftsteller ist und ein autobiografisches Buch schreiben möchte, wäre es natürlich, wenn ihm einfach nichts Nennenswertes passierte. "Manchmal durchfährt mich ein Schreck", heißt es in Frédéric Beigbeders neuestem Roman, "Vielleicht erinnere ich mich an nichts, weil es nichts zu erinnern gibt?" Doch folgt eine ganze Lebens- und Familiengeschichte des 45-jährigen Pariser Autors, der, bevor er vor einigen Jahren durch seinen Roman über die Unsitten der Werbeindustrie (mit dem Titel 39,90) recht bekannt wurde, auf der guten Seite von Suburbia aufgewachsen ist, nicht im "Proll-Neuilly", sondern im anderen, dem "einzig anständigen Viertel: am Bois de Boulogne". Eines gewissen Ressentiments kann man sich dabei nur schwer erwehren, etwa der Art: Was wird das bourgeoise Bürschchen schon zu sagen haben?

Auf der anderen Seite ist es ja verblüffenderweise so, dass sich auch unsere relativ gleichmäßigen Jahre in der ewigen Sommerfrische westlich-urbaner Aufgehobenheit unversehens zu so etwas wie einer Biografie auftürmen. Im Vergleich mit den von Weltkriegen und politischen Extremen umtosten Erzählungen unserer Eltern und Großeltern muss einem das natürlich läppisch vorkommen. Weshalb auch die Gründungserzählung der Beigbederschen Bekenntnisse im Ersten Weltkrieg liegt, beim Urgroßvater Thibaud de Chasteigner, der 1915 fällt: "Ich stamme von einem gläubigen Ritter ab, der am Stacheldraht der Champagne gekreuzigt wurde!" Nehmen sich unsere Wohlstandskrisen solchem gegenüber auch vergleichsweise harmlos aus, kann man wohl nicht leugnen, dass sie uns zuweilen existenziell schmerzen. Was also ist passiert?

Beigbeder hat sich eines Abends im Januar 2008, "als Schüler verkleidet", ins Nachtleben aufgemacht, "Lieblingssport aller Alten, die sich weigern zu altern". Drinnen wird nicht mehr geraucht, also hängen die chicken Mädchen draußen ab. So auch Beigbeder, der auf der Motorhaube eines schwarzen Chrysler ein Tütchen Koks mit seiner goldenen Kreditkarte zerbröselt. Die Polizei kommt vorbei, Beigbeder wird festgenommen und verbringt 48 Stunden in Untersuchungshaft. Dort ist es ungemütlich, kalt, die Mithäftlinge sind laut, unfreundlich und riechen schlecht. Der Gefangene darf nicht telefonieren, und dass er als Prominenter erkannt wird, schadet ihm mehr, als es ihm nutzt. Also schließt Beigbeder die Augen, und er, der ständig behauptet, sich an nichts zu erinnern, setzt jetzt Stück für Stück seine Kindheit wieder zusammen. Er arbeitet auf, wie sein Bruder, ohne etwas dafür zu können, zu seinem Antagonisten wurde, wie in seiner Familie schon immer über die wesentlichen Dinge nicht gesprochen wurde, wie sein Vater scheidungshalber aus seinem Leben mehr und mehr verschwand, so wie er selbst später aus dem seiner Tochter, die der zweimal Geschiedene nur mehr jedes zweite Wochenende sieht.

Eine solche, der Grenzerfahrung abgerungene Rechenschaft, ist an sich eine lesenswerte Sache. Indes hätte es dem Buch gutgetan, hätte sich Beigbeder einmal eines sorgfältigeren Stils befleißigt. "Ich wünschte, dass dieses Buch gelesen wird, als wäre es mein erstes", steht da, und das wäre doch eine Gelegenheit gewesen, vergessen zu machen, dass es schon bei früheren Büchern ganz den Anschein hatte, als könne Beigbeder einfach nicht gut schreiben. Allerdings plappert Beigbeder auch hier schlampig vor sich hin, Anfälle von Pathos irrlichtern uneindeutig zwischen mies ironisierenden Attitüden und virilem Gewinsel.

Sicher hat Beigbeder recht, wenn er die Zustände in den Pariser Untersuchungsgefängnissen als abscheulich beklagt. Könnte er davon besser, eindrücklicher berichten, müsste er aber nicht in Versalien plärren, dass Unrecht geschehe, "IN DIESEM MOMENT, HEUTE, EBEN JETZT, IN DER HAUPTSTADT VON FRANKREICH." Und in einer zynischen Volte muss man ja zugestehen, dass die "moralische Orthopädie" des Disziplinarsystems da wieder mal nicht schlecht funktioniert hat. Denn was tut der Bürger Beigbeder im Knast? Er schreibt sich einen repräsentablen Lebenslauf, schreibt sich doch ein in die Geschichte und in die Gesellschaft seiner stolzen Nation: Ein französischer Roman.

Mehr noch: Als er entlassen wird, ruft er "jemanden an, den ich liebte", um zu verkünden: "Kann gut sein, dass ich ein Mann geworden bin." Man stellt sich vor, wie daraufhin die Angesprochene bange dachte: Auch das noch!