Doch so subjektiv diese Verzichtsberichte auch sein mögen: Sie sind die Lebenszeichen eines neu erwachten politischen Engagements, das seine Entscheidungen nicht nur an der Wahlurne, sondern vor allem bei der Wahl des Lebensstils trifft. Die Unkosten des Delegationsprinzips erscheinen den Selbstversuchs-Autoren verheerend: Müsste man beispielsweise dem an den Füßen aufgehängten 2,99-Euro-Hühnchen "persönlich" an der Köpfmaschine in der Eile die Gurgel nur halb durchschneiden, bevor es halb tot gerupft und ins kochend heiße Wasser getaucht wird, würde einem der Appetit vergehen. Der Selbstversuch macht die Auslagerung grundsätzlicher Lebensstilentscheidungen wie des Nahrungs-, Medien- und Technikkonsums auf ein anonymes gesellschaftliches Ganzes wieder rückgängig. Das gibt den meisten dieser Bücher eine unverbrauchte Lebendigkeit, die sie zu sehr anregenden Lektüren macht.

Dies gilt in besonderem Maße für dieses mit der Heiterkeit der wahrhaft Verzweifelten geschriebene Protokoll eines bis ins kleinste Detail konsequent durchgeführten Ernährungs- und Entzugsexperiments. Und damit kommen wir zu den unschönen Details.

Phase eins des Duvenschen Lebensexperiments war die Bioernährung, die in der Nahrungsmittelbranche einen ähnlichen Supererfolg hat wie die Zeitschrift Landlust in der Medienbranche. Duve findet diese Phase paradiesisch, denn eigentlich kann sie alles essen, was sie vorher auch schon gegessen hat, es schmeckt nur einfach viel besser – oder überhaupt wieder nach irgendetwas. Mit Verzicht, schreibt sie, habe Bio nichts zu tun, eher mit Luxus. Doch die Fragen der Tierrechte sind auch in der Biobranche nicht gelöst. Denn "artgerechte Tierhaltung mit dem Ziel, das Tier zu schlachten, ist ein Widerspruch in sich".

Es folgt die fleisch- und fischlose Phase, die Duves Katzen härter ankommt als sie selber. Das Fazit der vegetarischen Phase: keine Probleme außer die mit dem Appetit. Denn Nahrungsgewohnheiten bilden sich in der Kindheit aus und sind dem Verstand später offenbar nur eingeschränkt zugänglich. Die wirklichen Schwierigkeiten beginnen jedoch erst am oberen Ende der Verzichtsskala. Der Veganer darf nicht nur keine Milchprodukte mehr essen, er darf auch keine Tierhäute, keinen Honig und keine Eier mehr konsumieren. Die Gründe dafür liegen vor allem in dem Leid, das den Kälbchen bei der Trennung von der Milchkuh zugefügt wird, deren männliche Nachkommen überdies sofort in Kalbsfilet verwandelt werden.

Um von den Bedingungen, unter denen selbst unsere Bio-Frühstückseier hergestellt werden, gar nicht zu reden. Duve schlägt sich tapfer in der veganen Phase, obwohl der Verzicht auf Milchprodukte schwierig ist und die Plastiksättel nicht wirklich gut auf den Pferderücken sitzen. Selbst die frutarische Phase, in der nur noch gegessen werden darf, was die Natur uns gleichsam als Abfallprodukt schenkt, erträgt sie mit Gelassenheit. Dreimal täglich isst sie Erbsen mit Kokosnussmilch. Die Grundlage dieser Ernährungsform ist die Überzeugung, dass auch Pflanzen ein eigenes Lebensrecht haben, da der Übergang zwischen der pflanzlichen, der tierischen und der menschlichen Lebensform ein fließender ist. Duve signalisiert Sympathien mit den Pflanzenrechtlern, ist aber froh, als dieses Experiment vorbei ist.

Am Schluss gesteht sie, dass niemand aus einem solchen Selbstversuch als derselbe zurückkommt, der er einmal war. Wer sich mit Schlachthöfen und Mastanlagen beschäftigt hat, kann nie wieder der lebenslustige Genussmensch sein, der auch mal fünfe gerade sein lässt. Gleichzeitig bleibt die Lage paradox: Tier- und Pflanzenrechte kollidieren mit menschlichen Nahrungsbedürfnissen, ungelöst ist nur die Frage, wo diese Grenze verläuft. Für Karen Duve verläuft sie bei zehn Prozent: Sie wird von nun an nur noch ein Zehntel von den Milch- und Fleischprodukten essen, die sie in ihrem früheren Leben gegessen hat, und keine Ledersachen mehr kaufen.