Die Frage: Kay und Ellen sind zwei Jahre liiert und haben jetzt endlich eine Wohnung gefunden, die beiden passt; Kay arbeitet als Freelancer zu Hause und braucht ein eigenes Arbeitszimmer. Wenn Ellen – sie ist Lehrerin – nach Hause kommt und Kay geht ihr nicht im Flur entgegen, um sie zu begrüßen, steckt sie vorsichtig die Nase durch die Tür von Kays Raum und fragt: "Stör ich?" Ihren Freund ärgert diese Frage, ohne dass er verstünde, warum.

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Ellen stört ihn tatsächlich manchmal, zum Beispiel, wenn er mitten in einem Text steckt. Meistens freut er sich aber, sie zu sehen. Endlich rafft er seinen Mut zusammen und sagt: "Dein ›Stör ich?‹ nervt! Kannst du nicht einfach hereinplatzen und mir sagen, was Sache ist?" – "Aber ich nehme doch nur Rücksicht!", sagt Ellen beleidigt.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Kays Ärger beruht darauf, dass er sich von Ellen kontrolliert fühlt. Ellen sollte sich mehr auf ihre Intuition verlassen, als sich durch solche Fragen abzusichern. Im Grunde möchte Ellen einen Blankoscheck auf Kays Zeit und Interesse ausgestellt haben. Sobald Kay ihr zusichert, dass sie nicht stört, kann sie mit seiner Aufmerksamkeit machen, was sie will. Ehe Ellen aber ihr Anliegen nicht kennt, kann Kay gar nicht beurteilen, ob er sich gestört fühlt oder nicht.

Wenn sie kommt, um ihm zu sagen, dass das ganze Lehrerkollegium von seinem letzten Artikel begeistert war, stört sie ihn sicherlich weniger als durch ihre Anfrage, ob er nachsehen könne, warum die Klospülung schon wieder nicht funktioniert.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE . Die Fragen seiner Kolumne werden in seinem Buch "Paartherapie: Konflikte verstehen, Lösungen finden" vertieft, das beim Gütersloher Verlagshaus erschienen ist.

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