Die "Unglücksfälle der Unsterblichen" waren einem wie ihm natürlich geläufig. Zusammen mit seinem Poetenfreund Paul Eluard hatte er ihnen schon in frühen Jahren einen Gedichtband gewidmet – Les malheurs des immortels (1922) – den er mit seinen grandiosen Collagen illustrierte. Vor allem jenen einen unvergesslichen Satz, der Warnung und zugleich Verheißung ist, werden wir darin immer mit einem ganz fatalen Entzücken lesen: "Hört die seufzer dieser frauen im schmetterlingshut".

Doch die Unglücksfälle der Unsterblichen sind ihm auch selbst widerfahren. Sogar hier, im zutiefst diesseitigen Niemandsland zwischen Köln und Bonn, wo allenfalls das Schloss Augustusburg einen Hauch von Unsterblichkeit verströmt. In dessen Schatten ist Max Ernst 1891 geboren worden und aufgewachsen. Und genau hier wurde ihm von der Stadt Brühl zum 60. Geburtstag eine bemerkenswert kapitale Retrospektive eingerichtet, die zum Reinfall, insbesondere finanziell geriet. Deswegen genierte man sich nicht, ein Meisterwerk, das der Maler der Stadt zu diesem Anlass geschenkt hatte, umgehend zu verscherbeln. Dieser "Mangel an Eleganz" empörte den an sich humorvollen Rheinländer so sehr, dass er fortan seine Heimatstadt am liebsten mied und auch die später angetragene Ehrenbürgerwürde ablehnte.

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Weil aber bei Unsterblichen bisweilen auch die Unglücksfälle zu einem guten Ende führen, verdankt sich das Brühler Max-Ernst-Museum letztlich genau jenem Ereignis. Ein junger Arzt aus Brühl, Peter Schneppenheim, entflammte damals in der Ausstellung so sehr für die Kunst des Surrealisten, dass er fortan zum passionierten Sammler seiner druckgrafischen Werke wurde. Er hat sie schließlich im Lauf seines Lebens (fast) vollständig zusammengetragen, weit über vierhundert illustrierte Bücher, Mappenwerke, grafische Einzelblätter, von den frühesten, durch die metaphysische Malerei Giorgio de Chiricos stimulierten Lithografien über die Frottagen und Collagen aus den heroischen Jahren des Surrealismus bis zur dschungelhaft üppigen Blüte des Spätwerks seit den 1950er Jahren, in dem sich Ernst – gleichsam wie ein Bürger des mythischen Babels und nicht des rheinischen Brühls – der unterschiedlichsten Sprachen bediente.

Schneppenheims Sammlung ging als Herzstück in das Museum ein, das 2005 vis-à-vis des Schlosses in einem ehemaligen, aufwendig umgebauten und erweiterten Tanzlokal öffnete, wo schon der Juvenile sein Pläsier fand. So sind hier, neben vielem anderen, auch seine wahrhaft epochalen surrealistischen Collagenromane zu sehen, wie etwa La femme 100 têtes von 1929 oder Une semaine de bonté von 1934, in denen für unsere Begriffe nicht nur sein eigenes Schaffen kulminiert, sondern überhaupt die bildende Kunst des Surrealismus. Und natürlich eine Ausgabe jenes Bands über die Unglücksfälle der Unsterblichen , wo bereits eine rätselhafte vogelköpfige Gestalt im Frack figuriert, die später, als Loplop, der Vogelobere , zur berühmten Doppelgängerfigur des Künstlers wird.

Neben diesen köstlich halluzinierten Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts mutet das bildhauerische Werk von Max Ernst (das im Museum ebenfalls so gut wie vollständig vertreten ist) oder auch die komplette Reihe jener D-Paintings , die im Verlauf von über drei Jahrzehnten jeweils zum Geburtstag seiner Ehefrau Dorothea Tanning entstanden, zwar minder gewichtig an, vielleicht ein bisschen zur sehr wie Fantasialand. Aber wegen ihrer biografischen Bedeutung fügen sie sich doch, zusammen mit Hunderten von Fotodokumenten aus dem Leben des Künstlers, einigen Jugendwerken und einer kleinen Auswahl von Gemälden, zu einem sehr sehenswerten, sehr persönlichen Reigen. Das Konvolut der Skulpturen stammt aus dem Nachlass: Er lebte bis zum Ende in der Gesellschaft dieses ganz privaten "Haustheaters". Vielleicht also würde sich jener schräge Vogel, den man in Brühl einst verschmähte, heute hier wieder richtig heimisch fühlen.

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