Als seine Tante beerdigt war, kam Fabian Schaaf auf eine Geschäftsidee. Seine Familie war unzufrieden gewesen mit dem Bestatter im Ort. Niemand hatte vorher daran gedacht, Preise zu vergleichen. »Und eine Beerdigung kann man ja nicht umtauschen«, sagt Schaaf.

Es gibt in Deutschland jährlich 850.000 Bestattungen, ein lukrativer Markt. Schaaf gründete www.bestattungen.de, das Online-Preisvergleichsportal für Dinge des Ablebens. Hinterbliebene geben ihre Vorstellungen an, Schaafs Angestellte holen Angebote ein. Für vermittelte Aufträge zahlt der Bestatter eine Provision von mehreren Hundert Euro an Schaaf. »1500 Euro gespart und trotzdem würdevoll«, wirbt die Webseite. Es gibt auch einen »Bestattungskostenrechner«. Er habe eine interessante Nische aufgetan, sagt der 30-jährige Schaaf.

Noch aus der abseitigsten Idee ein Geschäft zu machen – das hat er an der Handelshochschule Leipzig (HHL) gelernt. Die älteste private Wirtschaftshochschule Deutschlands, im Westen der Stadt angesiedelt, begreift sich seit ihrer Gründung 1898 als Elite-Uni für Karrierebewusste – mit dem Selbstverständnis, die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft hervorzubringen. Ihre Absolventen verdienen heute die höchsten Einstiegsgehälter aller vergleichbaren deutschen Hochschulen, im Schnitt 50.000 bis 60.000 Euro im Jahr. Die nötigen Kontakte für die spätere Karriere sind in den 27.000 Euro Studiengebühren inklusive: Arbeitslosigkeit muss kaum ein Absolvent fürchten, fast alle erhalten lange vor dem Abschluss Jobangebote. Etwa 70 Prozent der Masterstudenten kommen aus dem Ausland. Sie interessieren sich nicht für Leipzig. Sie wollen die beste Ausbildung. Mit dem Rest der Stadt hat die HHL ohnehin wenig gemein. Die Leipziger sächseln, viele finden keine Arbeit, und im Winter tragen sie Wollmützen. An der HHL sprechen alle Englisch. An den Wänden hängen Stellenanzeigen. Auf den Fotos daneben tragen Studenten Hüte wie amerikanische Highschool-Absolventen.

Als der Amerikaner Scott Seltman überlegte, an welcher Uni er Management studieren sollte, ging er die besten Business Schools Europas durch: London, Paris, Madrid. Leipzig. »Ein Jahr leben könnte ich im Grunde überall«, sagt er, »mich anzupassen macht mir nichts aus.« Also kam er im vorigen August von Pittsburgh an die Pleiße. Die Leipziger verstanden ihn zwar nicht, aber sie hielten ihm beim Einkauf die Tür auf. Ist doch was, dachte der 32-Jährige, spazierte durch die Gründerzeitviertel und begann, die Stadt zu mögen. Viel hat er nicht von ihr gesehen. Denn sein Studium beansprucht Scott Seltman 60 bis 70 Stunden in der Woche. Es ist, als gäbe man vor der Tür sein Privatleben ab. Wer hier lernt, hat nicht viel Freizeit.

Die Verheißung auf ein Leben als Topmanager kostet hier 27.000 Euro

Die HHL teilt sich ihren Campus an der Jahnallee mit den Sportwissenschaftlern der staatlichen Uni. Mit Elite hat man dort Erfahrung. Früher war in den ockergelben Gebäuden die Deutsche Hochschule für Körperkultur untergebracht.

Die HHL-Bibliothek ist rund um die Uhr geöffnet. Am Eingang steht ein Automat für Ohrenstöpsel. Auf dem Campus brennt die ganze Nacht Licht. Es kommt vor, dass Studenten durchschuften, kurz duschen und gleich wieder zum Unterricht kommen. In den Wochen vor Weihnachten war Seltman nie vor 23 Uhr zu Hause. Bilanzanalysen, Präsentationen, Arbeitsgruppen. So viel Stress war er von seinen Jobs als IT-Analyst in New York und Pittsburgh nicht gewöhnt. »Das Pensum hat mir am Anfang zu schaffen gemacht«, sagt er. »Mittlerweile denke ich, ich könnte noch mehr tun.« Seltman holt sich einen Kaffee im Plastikbecher für 80 Cent. Man sieht ihn selten ohne Kaffee.

Die Welt dieser Schule passt nicht recht zu Leipzig, der Stadt der wirtschaftlichen Probleme. Zwar beruft sich die Handelshochschule auf ihre lange Tradition an diesem Ort. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht, in der DDR zur »Hochschule für Binnenhandel« umfunktioniert, 1992 gar für wenige Tage geschlossen. Und die Stadt schmückt sich ihrerseits mit der Handelshochschule als einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Jedoch profitiert die eine von der anderen nicht.