Zumindest die Nationalhymne ist rechtzeitig fertig geworden. Eine Koproduktion von drei Musikern aus Juba, einen der Komponisten findet man auf dem sandigen Campus der Universität, wo er auf einem morschen Klavier Bachs Präludien übt. "Vorsingen?", fragt Addison Arkangelo. "Hier?" Außer fünf Ziegen befindet sich niemand in Hörweite. Arkangelo holt kurz Luft, die Melodie klingt aus seinem Mund wie ein sanftes Kirchenlied: "Oh Herr, wir loben und preisen dich für deinen Segen für Kusch, Land der großen Krieger ..."

Kusch, so nennen sie den neuen Südsudan. Kusch war einst ein Königreich der Nubier. In der Bibel sind Kuschiten die schwarzen Bewohner Afrikas, die Nachkommen eines Enkels von Noah. "Oh Kusch, Wiege aller Zivilisationen ...", singt Arkangelo.

Mit Instrumentalbegleitung, sagt er, klänge die Hymne besser. "Mächtiger. Wie ein Marsch." Wie ein Gedenken an die beiden Kriege gegen die Zentralregierung in Khartum, die den Süden verwüstet und über 1,5 Millionen Tote hinterlassen haben und aus denen nun, am 9. Januar, ein neuer Staat hervorgehen soll. Dann werden die Südsudanesen in einem Referendum entscheiden, ob sie zum Norden gehören wollen oder nicht. Der Ausgang gilt als sicher: Unabhängigkeit. Damit Sudans Staatschef Omar al-Baschir sein Wort hält und den Verlust eines Viertels seines Territoriums akzeptiert, schwärmen seit Monaten UN-Emissäre aus, Sondergesandte des Weißen Hauses, Vermittler der Afrikanischen Union und die politisierte Hollywood-Prominenz, angeführt von George Clooney, der erst Darfur und nun den Südsudan zur persönlichen Mission gemacht hat. "Oh Kusch", singt Arkangelo, "steh auf und leuchte!"

© ZEIT-Grafik

Vielleicht sollte er rufen: Oh Herr, lass ein Wunder geschehen! Kusch oder der Südsudan, das sind 619745 Quadratmeter Land, seit dem Friedensschluss 2005 von den ehemaligen Guerillas der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM) in Teilautonomie regiert und trotzdem in weiten Teilen unberührt von staatlicher Infrastruktur wie Polizei, Justiz, Krankenhäusern, Straßen, Stromversorgung, Trinkwasser. Etwa acht Millionen Einwohner und eine Analphabetenrate von 85 Prozent, beides gleichmäßig verteilt auf zahlreiche ethnische Gruppen. Die Hälfte der Bevölkerung ist abhängig von internationaler Nahrungshilfe. Die UN richten sich auf eine teure Langzeitbetreuung ein, manche ihrer Vertreter sprechen abends nach dem dritten Bier in irgendeiner Ausländerkneipe in Juba vom pre-failed state, vom "vorab gescheiterten Staat". Und können nach dem vierten wiederum nicht fassen, dass es in wenigen Tagen so weit ist: der Auftakt zur Geburt einer neuen Nation, der ersten, die Afrikas koloniale Grenzen neu zieht. Und das auch noch im Sudan , dem westlichen Schauplatz für den Kampf des Guten gegen das Böse schlechthin: Amerikanische und europäische Christen mobilisierten gegen arabische Sklaverei; Band Aid sang gegen die Hungersnot; Bill Clinton ließ (irrtümlich) Bomben gegen Terror auf Khartum abwerfen; der Krieg in Darfur rief Amerikas Filmprominenz und den Internationalen Strafgerichtshof auf den Plan; die UN mühen sich hier seit Jahren mit Friedensmissionen ab. Nun bekommt diese Geschichte der guten Absichten mit oft prekären Folgen ein neues Kapitel: die Staatswerdung des Südens mit der internationalen Gemeinschaft als Geburtshelfer – und vielleicht verschleiern Begriffe wie "gescheiterter Staat" ja mehr, als sie erklären.

Volksabstimmung - Südsudan auf dem Weg in die Unabhängigkeit

Der Flug von Juba nach Yambio im Südwesten dauert eine Stunde, die Weiterfahrt auf dem Motorradtaxi Richtung kongolesische Grenze über eine Staubpiste 40 Minuten. Verkehrstechnisch klappt es für afrikanische Verhältnisse erstaunlich gut, weshalb man mit sandverkrustetem Gesicht pünktlich zum Treffen mit den Arrow Boys erscheint. Anders als der Name vermuten lässt, stehen vor einem keine Jugendlichen mit Pfeil und Bogen, sondern erwachsene Bauern mit selbst geschmiedeten Jagdgewehren und der einen oder anderen Kalaschnikow. Sie gehören zum Volk der Azande, die bis zum späten 19. Jahrhundert ein ausgedehntes Königreich bildeten. Dann zogen Europas Kolonialherren Striche auf ihren Afrika-Karten, und die Azande waren plötzlich über den Nordosten des Kongos, die Zentralafrikanische Republik und den Süden des Sudans verteilt. Die hiesigen Azande durchlebten und durchlitten all das, was typisch war im Süden des Landes: Sklavenjäger aus dem Norden, britische Kolonialverwaltung, die Unabhängigkeit 1956, die den größten Flächenstaat des Kontinents und den Schauplatz für seine größte Zerreißprobe schuf, begleitet von zwei Bürgerkriegen: arabischer Staat oder afrikanische Nation, islamisch oder säkular?