Strahlendes Licht fällt auf die Häuser des Alpendorfes Savognin. Es ist das gleiche Licht, das im Jahre 1886 Giovanni Segantini sah. Und das ihn sagen ließ: "Hier will ich bleiben!" Die Schweizer Berge waren damals noch ein ziemlich exotisches Reiseziel, erst recht für einen Maler aus Norditalien. Aber statt in die Toskana oder nach Rom trieb die Sehnsucht ihn zeitlebens nach oben, in immer dramatischere alpine Landschaften. 28 Jahre alt war Segantini, als er nach Graubünden kam, um die legendäre Via-Mala-Schlucht zu sehen. Ein schräger Vogel mit wildem Haarschopf und intensivem Blick. Wer ihm damals begegnet ist, muss sich gewundert haben.

Bis zur Via Mala ist er nicht gekommen. Mit seiner Lebensgefährtin und ihren vier Kindern ließ Segantini sich in Savognin nieder und blieb acht Jahre lang. Hier entstanden viele der Werke, die ihn zu einem der berühmtesten Landschaftsmaler seiner Zeit werden ließen und zu dem "Alpenmaler" schlechthin. Segantinis Kunst nahm vorweg, was wir noch heute sehen, wenn wir den Sehnsuchtsblick auf Almwiesen und Berghütten richten. Was ist aus dem Dorf geworden, das damals unverhofft in den Fokus der Kunstwelt rückte?

"Die meisten seiner Bilder stützen sich auf Motive aus Savognin", sagt der Lokalhistoriker Romano Plaz. Er hat mich am Bus abgeholt und zeigt mir nun das Quartier San Mitgel, in dem es nach Heu riecht und nach Holzfeuer; in dem ich aus den großen alten Ställen mit Steinsockel und dunklem Holz die Kühe muhen höre. Segantinis Werk umfasst mehr als 700 Bilder. Jene intimen Szenen bäuerlichen Lebens, die er in Savognin fand, verwandelten sich auf seiner Leinwand in Landschaften des menschlichen Lebens und Sterbens, nicht selten von religiöser Andacht geprägt. Vielleicht auch deshalb wurde der Maler zu Lebzeiten ungeheuer populär, aber bald darauf vergessen oder in die Kitschecke gedrängt. Erst jetzt kehrt er langsam in die hohe Kunst zurück. Die Basler Fondation Beyeler, berühmt für Avantgarde-Kunst aus dem zwanzigsten Jahrhundert, zeigt von Sonntag an einen Teil seines Œuvres: eine Ausstellung, die den Verehrer des naturnahen Lebens zugleich als Wegbereiter einer Moderne zeigen will, in der er selbst nie ankam.

Warum aber Savognin? Wir schlittern über dicke Eisplatten auf dem Weg zwischen den alten Häusern hindurch. Es ist eisig kalt. Romano Plaz zeigt auf einen Durchgang zwischen zwei Häusern: "Von hier aus hat Segantini das Bild mit der Wasserträgerin gemalt, sehen Sie?" Abwärts führt der von Kreuzwegstationen gesäumte Kapellenweg zu einem Schneefeld. "Erinnern Sie sich an die Rückkehr vom Wald? Die Frau, die mit holzbeladenem Schlitten heimkommt, vor sich den Kirchturm und die ersten Häuser des Dorfes?"

Natürlich ist in Savognin die Zeit nicht stehen geblieben. Der Ort lebt inzwischen vom Wintersport. Rund um den historischen Kern wachsen Apartmentanlagen und achtzig Kilometer Piste die Hänge hinauf. Doch hier, in San Mitgel, ist Segantinis Savognin noch bestens zu erkennen. Hier spürt man heute wie damals jene Ursprünglichkeit, die der Maler liebte. Einerseits! War er doch auch ein Mann der Widersprüche. So gern er die Bauernhäuser malte, darin leben wollte er nicht.

Mittlerweile an der Hauptstraße angekommen, sehe ich dicht beieinander die großen alten Hotelbauten des Pianta und des Piz Mitgel sowie ein herrschaftliches Haus im neoklassizistischen Stil. Es ist dasselbe Bild, das sich den Segantinis bot an diesem Knotenpunkt des Dorfes, an dem sich die Postkutschen zur Fahrt über den Julierpass sammelten. Im Pianta logierten sie, im stilvollen Bündner Haus der Familie Peterelli zogen sie bald zur Miete ein. "Segantini war selbstbewusst, er wusste, was er wert war. Dementsprechend wollte er leben – auf großem Fuß!" So sagt es Tura Peterelli, 57, der heute mit seiner Schwester Jeannette das nahezu unveränderte Haus bewohnt.