Die große Politik ist nicht Sache eines Bezirkssheriffs. Clarence Dupnik weiß das, aber es ist ihm egal. Dupnik ist ein rundlicher Mann, für sein Amt sieht er ziemlich gemütlich aus, nicht wie einer, der das ganze Land in Aufruhr versetzt. Dupnik ist ein Parteifreund von Gabrielle Giffords, der demokratischen Abgeordneten , die am vergangenen Samstag von einem offenbar psychisch gestörten Attentäter durch einen Kopfschuss schwer verletzt wurde. Genau hier, auf dem Parkplatz vor dem Safeway-Supermarkt, wo Dupnik jetzt steht, um klarzumachen, dass er nichts, aber auch gar nichts zurücknimmt von dem, was er über den Zustand des Landes gesagt hat: über die hasserfüllte Rhetorik , die sich in Talkshows und Wahlkämpfen breitgemacht habe und für die gerade geistig labile Menschen wie Jared Lee Loughner , der Schütze von Tucson, anfällig seien. Über das rechte politische Klima , das seinen Bundesstaat Arizona in ein "Mekka für Vorurteile und Fanatismus" verwandelt habe; über die Tea Party und Sarah Palin , die er für diese Zustände namentlich verantwortlich macht. "Ich bin 75 Jahre alt und seit 52 Jahren Polizist, ich muss keine Rücksicht nehmen und habe das Recht, zu sagen, was in diesem Land los ist und was zu solchen Verbrechen führen kann. Wir erlassen in Arizona laxe Waffengesetze, aber unnötig strenge Maßnahmen gegen illegale Einwanderer . Das ist nicht nur falsch, sondern ebenso unmoralisch."

"Haben Sie nicht auch mit solch einem Verbrechen gerechnet?"

Man muss nicht weit gehen, um die Schockwellen der Schüsse von Tucson zu verfolgen, um herauszufinden, ob der unmittelbare Schrecken ein heilsamer oder ein verschärfender war. Man kann einfach am Tatort stehen bleiben, wo immer noch die gelben Absperrbänder der Polizei flattern. Man kann Dupnik zuhören und dann wenige Meter weiter Trent Humphries treffen, den Chef der örtlichen Tea-Party-Bewegung, der hier Flagge zeigen will und sich empört über den Sheriff, "der seinen Verstand verloren hat". Humphries erzählt, seit Dupniks Äußerungen erhalte er anonyme Drohungen. Die Polizei fahre jetzt Streife vor seinem Haus, die Kinder werde er für ein paar Nächte bei den Großeltern unterbringen. Humphries sieht in dem Attentat von Tucson eine Tragödie wie jene von Columbine, als zwei Jugendliche, besessen von ihrem Außenseiterdasein und ihren Allmachtsfantasien, zwölf Schüler und einen Lehrer erschossen. Eine Katastrophe wie ein Blitzschlag, nicht vorhersehbar – und schon gar nicht Folge politischer oder gesellschaftlicher Umstände.

Zu den sechs Toten von Tucson, sagt Humphries, "zählt auch einer meiner Nachbarn". Der habe sich schützend vor seine Frau gestellt. "Statt Politik zu machen, sollte der Sheriff lieber diese Heldengeschichten erzählen", sagt Humphries. "Denn das ist Amerika!"

Seit dem Anschlag von Oklahoma City hat kein Attentat das Land so sehr aufgewühlt. Damals kamen bei dem Bombenanschlag des Rechtsextremisten Timothy McVeigh auf ein Bürogebäude für Bundesbehörden 168 Menschen ums Leben. McVeighs Anschlag war nicht nur ungleich verheerender, der Attentäter formulierte seinen paranoiden Hass auf den Staat, auf jede Form von government, auch ungleich eloquenter und kohärenter als Jared Lee Loughner, von dem bislang nur Versatzstücke von Verschwörungstheorien bekannt sind. Aber anders als 1995 hat sich der Anschlag 2011 in den Augen der linksliberalen Öffentlichkeit angekündigt. "Haben Sie nicht auch mit solch einem Verbrechen gerechnet?", fragt der Kolumnist Paul Krugman seine Leser in der New York Times – und viele nicken vermutlich beim Lesen mit dem Kopf.

Der Grad der politischen Rationalität des Täters spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Die Toten und Verletzten von Tucson gelten vielen als erste Opfer eines politischen Grabenkriegs, von dem manche glauben, er sei noch nie so hasserfüllt und martialisch geführt worden wie in diesem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Das Wort vom "zweiten Bürgerkrieg" wird inzwischen gern zitiert. So lautet der Titel eines Buches des Publizisten und ehemaligen Chefkorrespondenten der Los Angeles Times, Ronald Brownstein. Zerstritten und polarisierend sei Amerika immer schon gewesen. "Aber was jetzt ungewöhnlich ist: Das politische System ist weit polarisierter als das Land." Noch nie seien Amerikas Parteien so gespalten gewesen über die Rolle der Regierung, über kulturelle, politische, ökonomische und soziale Fragen. Der politische Gegner gelte als Feind, der vernichtet werden müsse. Auch jetzt, da auf den Fernsehkanälen MSNBC und Fox die Debatten darüber toben, ob Sarah Palin Gewalt herbeiredet oder Sheriff Clarence Dupnik ein Vaterlandsverräter ist. Lediglich das politische System – zumindest das in Washington – scheint im Schock kurz innezuhalten. Die Republikaner, seit den Kongresswahlen im November in der Mehrheit im Repräsentantenhaus, haben ihren Generalangriff auf die Gesundheitsreform nach dem Attentat verschoben.