Sagt ein Manager zum anderen: "Gestern komm ich aus dem Urlaub zurück, und stell dir vor: Alle meine E-Mails – beantwortet von meiner Assistentin. Alle meine Entscheidungen – gefällt von meinem Stellvertreter. Alle meine Projekte – vorangetrieben von meinen Mitarbeitern." Sein Kollege nickt: "Hut ab, du hast deinen Laden gut organisiert!"

Wie realistisch, finden Sie, klingt dieser Dialog?

Jede Woche gibt der Coach Martin Wehrle Tipps für den Erfolg im Job in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn"

In Wirklichkeit hätte der Manager wohl eher Folgendes erzählt: "Erster Arbeitstag nach dem Urlaub – meine Unterschriftsmappe so voll, dass sie fast platzt. 2000 E-Mails verstopfen mein Outlook. Fünf Mitarbeiter stürmen mir hilferufend entgegen – ihre Projekte stecken fest." Ein Schiff in Seenot – doch er, der Kapitän, bringt es wieder auf Kurs. Der Managerkollege nickt wissend: "Das kenn ich. Wenn ich weg bin, geht gar nichts. Nach meinem letzten Urlaub waren es sogar 2500 Mails!"

Viele Führungskräfte halten sich für die allmächtigen Götter im Firmenhimmel. Sie rühmen sich ihrer Unentbehrlichkeit .

Auf jedem Seminar lassen sie ihr Handy an, als wäre es ein Babyfon für unmündige Mitarbeiter.

Ihre Abwesenheit stellen sie als Super-GAU dar: Fehlentscheidungen breiteten sich aus, Chaos schwinge das Zepter, Mitarbeiter tanzten auf den Tischen. Und natürlich tragen sie ihre Überstunden wie einen Pokal vor sich her, wobei sie aber – frei nach Robert Lembke – niemals so beschäftigt sind, dass sie nicht noch über ihre hohe Auslastung klagen könnten.

Ich befürchte allerdings: Was ein Chef taugt, fällt gerade in seiner Abwesenheit auf.

Laufen die Geschäfte reibungslos weiter? Reichen das Wissen, die Kompetenz und das empfundene Vertrauen der Mitarbeiter , damit diese selbst entscheiden können? Kennen sie die große Zielrichtung? Dann hat ein Manager seinen Job verstanden: Wenn er seine Mitarbeiter zum Handeln ermutigt, anstatt sich selbst für den einzigen Fähigen zu halten. Wenn er delegiert, anstatt sich einzumischen. Wenn er sich nur um das Wichtigste kümmert, anstatt sich nur wichtig zu machen.

Ein guter Chef ist wie ein Fußballtrainer: Er steht am Rand des Spielfelds. Er trainiert sein Team und stellt es auf. Doch die Tore schießt er nicht selbst, das überlässt er seiner Mannschaft. Und wenn er doch aufs Spielfeld rennt? Dann macht er sich lächerlich. Schießen würde er sicher daneben. Denn vom Tagesgeschäft verstehen seine Mitarbeiter mehr als er.