Früher schleppte ein Künstler die gute alte Bewerbungsmappe mit sich. Heute verweist er auf das Portfolio seiner Website: Hier sehen Sie, was ich kann, was ich gemacht habe, wohin die Reise geht. Musiker pressen ihr Portfolio stets auf knapp 70 Minuten Dauer, und das ideale Portfolio ist eine CD, welche die Vielfalt eines Wimmelbilds anbietet und bei einem renommierten Label erschienen ist. Dann kann, was die Karriere anlangt, nichts mehr passieren.

Das ist bei Maximilian Hornung sowieso unmöglich. Der 24-Jährige hat 2005 den Deutschen Musikwettbewerb gewonnen, sitzt mittlerweile als Solo-Cellist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und befindet sich auf einem Leistungsniveau, das dort seinen Absprung in Richtung Solistenkarriere ahnen lässt.

Folgerichtig heißt seine erste CD beim Label Sony Jump! Das ist ein sphinxischer Titel, auch für die Normalhörer. Mancher muss über seinen Schatten springen. Will er Anton Webern hören? Er sollte es, denn die frühen Stücke für Violoncello und Klavier sind Betthupferl eines Spätromantikers. Erwärmt er sich für jüdische Gebete? Es wäre ihm zu wünschen, denn Ernest Blochs Prayer ist eine glühende Kostbarkeit. Und was sagt dem Hörer Georges Boulanger? Dem gelingt in Georgette die süße Schmierenkomödie eines Stehgeigers, die nun um eine Oktave tiefergelegt wird. Nicht verwandt, nicht verschwägert mit dem rumänischen Erotomanen der Violine sind die privat vor sich hin singenden Trois Pièces der noblen Französin Nadia Boulanger.

Maximilian Hornung, der Mann der Tiefe, ist ein Sänger auf seinem Cello, der hoch hinauswill und keine Scheu hat, für sein Programm durch Raum und Zeit zu reisen, etwa nach Brasilien, zu Heitor Villa-Lobos’ schmachtendem Lied eines schwarzen Schwans, oder zu Charlie Chaplins Oscar-prämierter Filmmusik zu seinem Film Limelight. Im eigenen Rampenlicht gerät Hornung beim Ritt über das Griffbrett nichts schwitzig: Er kontrolliert seinen Ton, er formt ihn hingebungsvoll, aber er bewacht ihn nicht. Seine lautere Musikalität macht stets das Richtige: Sie lässt sein Instrument ironisch wimmern (wie in Skrjabins Romance), scheu um Andacht ringen (wie in Bachs Air); sein Cello kann sich tränenlos die Seele aus dem Leib weinen (wie in der Bearbeitung von Mahlers Kindertotenliedern) und zugleich aristokratische Vornehmheit bewahren, selbst wenn im Unterholz das Sentiment lauert (wie in Frank Bridges Serenade). Milana Chernyavska am Klavier: vorbildlich.

Es reihen sich um Hornung großartige Kollegen wie Daniel Müller-Schott, Jan Vogler, Jens-Peter Maintz, Alban Gerhardt. Und doch ist Hornung von einem anderen Stern. Man entdeckt in seinem Spiel nicht die geringste Unebenheit, keinen stilistischen Krümel. Ein Frühvollendeter, der die Abgebrühtheit eines Routiniers mit der Unbekümmertheit des Springinsfelds verbindet.

Maximilian Hornung: Jump!
Sony 8869 774 9242