Nach den ersten Recherchen stellte sich den Kontrolleuren der Fall noch so dar: Angeblich war bei Lübbe eine Panne passiert. Offensichtlich war ein für technische Zwecke vorgesehenes Industriefett in einen Teil des Futtermittelfetts geraten und im Auftrag von Harles und Jentzsch an Futtermittelhersteller in drei Bundesländern geliefert worden. Die Kontrolleure gingen von einem einmaligen und versehentlichen Vorgang aus.

Das sollte sich bald ändern.

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Kurz darauf musste das Verbraucheramt in Niedersachsen feststellen, dass kontaminierte Fettsäuren nicht nur in einen Tank, sondern in mehrere gefüllt worden waren. "Aufgrund dieser Sachlage stand erstmals zu vermuten, dass es sich nicht um eine einmalige versehentliche Einmischung handelte", so das niedersächsische Verbraucherministerium. Die Kontrolleure schalteten die Staatsanwaltschaft ein.

Wenig später teilten die Prüfer in Schleswig-Holstein ihren Kollegen in Niedersachsen etwas mit, das alle ahnen ließ, dass dieser Fall die gesamte Agrarwirtschaft in Misskredit bringen könnte: Aufgrund ihrer neuen Erkenntnislage sei nicht auszuschließen, "dass es sich um eine zeitlich kontinuierliche Belastung von Futtermitteln mit Dioxinen über einen längeren Zeitraum handele".

Aber wer war dafür verantwortlich? Hatte man bei Harles und Jentzsch nur geschlampt oder womöglich wissentlich Futterfett mit billigem Industriefett verpanscht? Und woher kam das Dioxin, das auch in Fetten, die nur für die industrielle Verwendung vorgesehen sind, nicht zwingend enthalten ist?

Aus dem ursprünglich überschaubaren Geschehen war eine Gemengelage geworden, die Schlimmes vermuten ließ.

Vorsorglich sperrten die Ämter fast 5000 Landwirtschaftsbetriebe. Die meisten von ihnen hatten Glück. Nach genauer Prüfung der Futtermischungen konnten inzwischen die meisten Höfe wieder freigegeben werden. Zu Beginn der Woche war bei 550 Betrieben die Lage noch unklar. Sie müssen selbst nachweisen, dass ihre Produkte unbedenklich sind. Auf eigene Kosten. Das Schlimmste für sie aber ist: Die Tests brauchen ihre Zeit. Dioxin nachzuweisen ist anspruchsvoll. Nur wenige Labore können das. Und die sind in diesen Tagen mehr als ausgelastet. Ohne Nachweis aber kein Geschäft: Die Schlachterlaubnis wurde entzogen. Eier und Fleisch dürfen nicht verkauft werden.

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner beziffert den Ausfall für die Landwirte auf 40 bis 60 Millionen Euro pro Woche. Jeden einzelnen könne die Sperrung seines Hofes 10.000 bis 20.000 Euro Umsatz pro Woche kosten. Die Futtermittelindustrie solle für den Schaden haften, fordert Sonnleitner. Paradox: Besonders hart treffen wird es ausgerechnet jene Betriebe, die zwar gesperrt wurden, die aber frei von Dioxin blieben. Sie können niemanden haftbar machen.

Zunächst war nur von Hühnern und Eiern die Rede. Auch Milch, so hieß es plötzlich, könnte betroffen sein. Doch das dementierte der Milchindustrie-Verband sofort: "Nach heutigem Sachstand kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass bei Milch und Milchprodukten auch weiterhin keine erhöhten Dioxingehalte festgestellt werden." Milchviehfutter weise eine vollkommen andere Zusammensetzung auf als Futter für Geflügel, Schweine und andere Tierarten.

Stück für Stück nähern sich die Fahnder der Wahrheit. So entstand der Verdacht, dass Harles und Jentzsch womöglich bereits im März 2010 von Dioxinfunden gewusst haben könnte. Von der Firma war dazu keine Stellungnahme zu erhalten.

Inzwischen arbeiten zwei Staatsanwälte in Itzehoe und Oldenburg an dem Fall. Während ihrer Razzien bei Harles und Jentzsch sowie bei Lübbe sammelten die Fahnder Dokumente wie Rechnungen und Lieferscheine ein. Kistenweise transportierten sie Akten ab. Aufgrund eines Anfangsverdachts einer Straftat hat die Staatsanwaltschaft Itzehoe am 4. Januar ein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen bei Harles und Jentzsch eingeleitet.

Nur ein Betrieb ist bis zu diesem Zeitpunkt außen vor: Petrotec. Das Unternehmen mit Sitz in Borken produziert in Emden Biodiesel. Dabei fallen Fettsäuren an. Und die verbinden die beiden Unternehmen. Petrotec verkaufte diesen Rohstoff an Harles und Jentzsch mit dem Zusatz: nur für den technischen Einsatz. Das ist wichtig, weil sich Petrotec damit völlig korrekt verhalten hat – selbst wenn in diesen Fettsäuren Dioxin enthalten war. Die Grenzwerte beim technischen Einsatz sind großzügig.