Die Kopten gehören zwar zur orthodoxen Kirche, doch spalteten sie sich beim Konzil von Chalcedon 451 im Streit ab. Es ging um die gottmenschliche Natur Christi. Seitdem sind die Kopten unabhängig, und derzeit ist Schenouda III. ihr Oberhaupt. Eine wichtige Rolle im Glauben spielt die Flucht der Heiligen Familie. Der Überlieferung nach reiste sie drei Jahre lang durch Ägypten, und wo immer sie übernachtete, entstanden Kirchen und Klöster, zu denen bis heute die Gläubigen kommen, viele in der Hoffnung, Zeuge eines Wunders zu werden. Marienerscheinungen aus Licht, Bilder von Heiligen, die Blut weinen, plötzliche Heilungen sind fester Bestandteil des Glaubens. Auch unter der Samtdecke des Schreins im Kloster Sankt Paul stecken Hunderte kleiner Zettel mit handgeschriebenen Bitten an den Heiligen.

"Der heilige Paul gehört nicht zu den Heiligen, die besonders schnell Wünsche erfüllen", erklärt Vater Diochorus. Der heilige Paul steht für Ausdauer und Zähigkeit. Der Legende nach verließ er als junger Mann seine Heimatstadt Alexandria und verbrachte 90 Jahre in einer Höhle, genau hier, in den kargen Bergen am Roten Meer. Antonius, der Gründer des ersten Klosters der Christenheit, wurde von Gott geführt und fand ihn. Kurz darauf verstarb der heilige Paul, und Antonius ließ aus der Höhle eine Kirche und um die Kirche ein Kloster bauen. Vater Diochorus schließt die mächtige Holztür zur Höhlenkirche auf. Georges und seine Freunde sind gekommen, um hier zu beten.

"Wir sind nicht wie die Christen in Europa, für uns spielt der Glaube eine viel größere Rolle", sagt Georges. Zwar gehe er tagsüber ganz normal an die Uni. Der 19-Jährige studiert Ingenieurwissenschaften. "Aber ansonsten lebe ich in der Gemeinde", sagt er. Sonntagsschule, Messe, Jugendfreizeit. Und wenn jemand mal einige Tage nicht erscheint, geht der Abwesendenbeauftragte ihn besuchen. Es könnte ja sein, dass er etwas braucht. "Das Wichtigste in der Gemeinde ist, dass mich niemand darauf anspricht, dass ich anders bin", sagt er. Er habe das so satt: "In der Schule musste ich den Koran lesen, und immer ging es darum, dass ich ein Ungläubiger bin. Das liegt an der dumpfen Islamisierungswelle. Und weil immer mehr Muslime beeinflusst sind vom Wahhabismus." Sein Freund Andrew hält das für moderates Geschwätz: "Es liegt in der Natur des Islams, uns zu unterdrücken. Dabei sind wir die eigentlichen Bewohner dieses Landes. Sie kamen erst Jahrhunderte später und sollten sich wie Gäste verhalten."

Die religiösen Vorurteile haben sich zugespitzt . Vor dreißig Jahren noch galt die Frage, ob jemand Muslim oder Christ sei, als grob unhöflich. "Heute geht es die ganze Zeit darum", sagt Ramy Raouf von der Kairoer Initiative für Persönliche Rechte. Die Menschenrechtsorganisation dokumentiert Gewalttaten gegen Christen. Denn der Anschlag auf die Kirche in Alexandria, bei dem in der Silvesternacht 23 Menschen starben und knapp hundert verletzt wurden, traf Ägypten nicht aus heiterem Himmel. Mehr als 50 Zwischenfälle hat die Initiative allein seit 2008 registriert. Die Gründe sieht Raouf in einem stärker werdenden Misstrauen zwischen den Religionen. "Es ist längst normal, dass muslimische Unternehmer nur Muslime anstellen und christliche Hausbesitzer nur an Christen vermieten. Das Erschreckendste ist, dass viele Menschen sich daran gewöhnt haben." Da die Regierung diese Entwicklung nicht gebremst, sondern im Namen der nationalen Einheit geleugnet habe, breitete sich der Konflikt aus und verursachte immer mehr Gewalt.

Fast immer sind die Opfer Christen. "Ermuntert wurden die Täter auch dadurch, dass bisher niemand von einem Gericht verurteilt wurde", klagt Raouf. Kein Wunder, dass viele Christen sich vom Staat im Stich gelassen fühlen. So kommt zum Konflikt zwischen Muslimen und Christen nun auch eine Konfrontation zwischen Kirche und Staat. Deutlich wurde die Abkehr der Kirchenführung von ihrem zuvor sehr staats- und regierungsfreundlichen Kurs nach den Ereignissen von Nagah Hammadi. In dem oberägyptischen Dorf waren Weihnachten 2009 sechs Kirchgänger nach der Mitternachtsmesse erschossen worden, doch der Prozess gegen die Täter schleppt sich bis heute dahin. Der Bruch vertiefte sich im letzten Sommer, als ein staatliches Gericht einem geschiedenen Kopten das Recht zusprach, wieder kirchlich zu heiraten, und verfügte: Die Kirche solle ihn trauen. Da reichte es dem Papst.