Eine Partei schafft sich ab. Am Ende der dreitägigen Festspiele zum Jahresanfang – mit Kommunismus-Messe, Wallfahrt zum Luxemburg-Grab und Auftaktprozession am Alexanderplatz – ist klar: Das Großexperiment Die Linke ist gescheitert. Unaufrichtigkeit, Sektierertum, Selbstekel fordern ausgerechnet im Jahr mit den sieben Landtagswahlen ihren Tribut. Erste Namen für Neugründungen sind im Gespräch. Ein "Bündnis Vernunft" soll die ostdeutschen Abgeordneten, die Reformer in der Fraktion sammeln. Rück-Übertritte zur SPD werden gemeldet, auch von Funktionären. Es war kein Zufall, dass bei der Kandidatenvorstellung am Montagnachmittag so häufig vom "Wolfserwartungsland" die Rede war. Damit sind ursprünglich verödete Landschaften in Ostdeutschland gemeint, aus denen die Menschen sich so weit zurückgezogen haben, dass die Wölfe sie wieder in Besitz nehmen können. Inzwischen benutzen manche Linke den Begriff als Chiffre für die eigenen finsteren Ahnungen.

Gesine Lötzsch wird nicht von solchen Dämonen verfolgt. Gleichzeitig mit dem Artikel für die marxistische Junge Welt, in dem die glücklose Parteivorsitzende die vielen Wege zum Kommunismus anpries, verschickte sie eine Karte mit Neujahrsgruß, auf der sie einen kleinen Panther in die Kamera hält. Wer Frau Lötzsch dieser Tage trifft, stellt fest, dass sie im Kommunismus vielleicht pro forma ein Raubtier sieht – aber eigentlich ein ganz liebes. "Sie werden sehen", sagt sie kurz vor ihrem halb kämpferischen, halb eingeschüchterten Auftritt auf dem Kongress der Jungen Welt, "vor diesem Publikum werde ich mich rechtfertigen müssen für die Harmlosigkeit meiner Vorschläge. Hätte ich das Wort ›Kommunismus‹ nicht verwendet, wäre der Artikel niemandem aufgefallen." Tatsächlich ist der Star dieses denkwürdigen Abends in der Berliner Urania die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett – die einen französischen Polizisten zum Krüppel schoss – mit ihrer Forderung, dem "bürgerlichen Pazifismus" zu entsagen. "Die Pflicht der Revolution ist die Revolution", rief sie. Man solle bis an die "Grenzen der bürgerlichen Rechtsordnung gehen – und, wo möglich, darüber hinaus". Man lächelt sich verschwörerisch zu. Es bräuchte eine "neue, kommunistische Partei", die nicht so viele "Mythen und Wunden" mit sich herumschleppe wie die DKP. 2000 Leute klatschen. Viele sind über sechzig, viele ganz Junge tragen die Rastalocken und Lederbändchen der Berliner Antifa.

Das Gefühl hier ist keineswegs, dass die Enkel es einmal besser ausfechten werden, wenn überhaupt. Nein, gerade hier, am äußersten linken Rand, hört man die eigene Stunde schlagen. Nicht umsonst hatte Gesine Lötzsch in ihrem Text das Totenglöckchen des Kapitalismus geläutet: "Angenommen, der Euro geht als Währung in den nächsten zwei Jahren unter, die Europäische Union zerbricht, die USA kommen nicht aus der Wirtschaftskrise und fallen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in die Hände radikal-fundamentalistischer Christen. Das Klima verändert sich dramatisch, der Golfstrom kühlt ab, die Flüchtlingsströme überrennen die ›Festung Europa‹." Bereit sein ist alles.

Draußen vor der Tür steht ein kleines Häuflein vom Verein Opfer des Stalinismus (VOS). Es kommt zum Handgemenge. Am Ende wird die frühere Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld die Abgeordnete Gesine Lötzsch anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung. Man habe ihr in den Bauch getreten.

Opfer des Kommunismus? Keine Ahnung, "es gab da eine Broschüre"

Wer wissen will, was der Kommunismus für die Partei Die Linke bedeutet und was die Pragmatikerin Gesine Lötzsch geritten haben mag, ihn gerade jetzt auszurufen, muss sich die alljährliche Prozession zum Grabmal Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts ansehen. Zu den Klängen von "Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin", einem Trauermarsch aus der Russischen Revolution von 1905, schreitet die Parteiführung an jedem zweiten Sonntag im Januar zum Gedenken an die Ermordung von "LL" durch Freikorpssoldaten das Rondell auf dem Ehrenhain ab. Die Parteilinke ist schon um neun Uhr am Platz, um nicht auf Fotos mit denen abgebildet zu werden, die später kommen und die unverhohlen eine Rehabilitation der Stasi oder den Wiederaufbau der DDR samt Mauer verlangen. Man kann den Gesichtern förmlich ansehen, dass viele sich hier an einem solchen Tag auf dem 130 Jahre alten Sozialistenfriedhof in die Straßenkämpfe der Weimarer Republik oder ins Berlin der dreißiger und vierziger Jahre zurückversetzt fühlen, als Kommunist zu sein echten Mut erforderte, als man vor allem Antifaschist war, auf der richtigen Seite stand, in Spanien oder im Wedding, und praktisch ständig den Gewehrkolben der SS im Nacken fühlte. Als man recht hatte. Als man nichts wusste von Moskauer Schauprozessen. Man sieht viele Ballonmützen, rote Nelken, rote Fahnen. Da kommt Sarah Wagenknecht, eigentlich für zwei Wochen krank geschrieben, lächelt ihr entrücktes Rosa-Luxemburg-Wiedergängerinnen-Lächeln und schlägt in der kalten Winterluft den Kragen ihres grauen Revolutionsmantels hoch.