Seit einiger Zeit tobt hinter den Kulissen der Opernhäuser ein geradezu verbissen geführter Wettstreit darum, wer den spektakulärsten Ring des Nibelungen im Repertoire hat, wenn die Musikwelt in zwei Jahren in einen Richard-Wagner-Taumel verfallen wird, weil sich der Geburtstag des Bayreuthers zum 200. Mal jährt. Alle erdenklichen Bühnen von der Met bis zur Scala, von Paris bis München, von Frankfurt bis Essen haben sich von der Ring- Hysterie anstecken lassen, um hochkarätige Sänger- und Dirigentenbesetzungen gebuhlt und über den ultimativen Regiecoup gegrübelt – den Namen, der die Wagnerianer, die schon alles gesehen und gehört haben, noch einmal von den Sitzen reißt.

Nur in Bayreuth war es bislang merkwürdig ruhig um die Frage, wer denn in Wagners Allerheiligstem den symbolträchtigen Jubiläums -Ring inszenieren wird. Die Antwort scheint nun festzustehen, und sie ist tatsächlich eine Überraschung: Wim Wenders soll es machen. Die Verträge sind offenbar noch nicht unterschrieben, aber beide Seiten bestätigen die Verhandlungen . Und alle Welt reibt sich verdutzt die Augen: Ausgerechnet ein Kinoregisseur, der noch nie eine Oper auf die Bühne gebracht hat und sich in seinen Filmen eher als Rock'n'Roller und Mann des Blues zu erkennen gibt, soll in Bayreuth Interpretationsgeschichte schreiben?

Das Kino war für Opernintendanten schon immer ein Sehnsuchtsort: Es locken das Glamouröse und Gutaussehende, die Akzeptanz der Kunstform in der Mitte der Gesellschaft, das groß Gedachte und die experimentellen Erzählweisen. Umgekehrt arbeitet das Kino immer wieder mit Stoffen, aus denen Opern gemacht sind. Es ist viel Tristan in Titanic. Manche Personenkonstellationen in Woody Allens Filmen wirken wie von Lorenzo da Ponte und Mozart erdacht. Die Macher von Matrix haben Wagners Parsifal sehr genau gelesen.

Trotzdem haben sich die Kinoregisseure auf der Opernbühne meist schwergetan. Die Liste derer, die den Ausflug in die andere Kunstform gewagt haben, ist lang. Sie reicht von Volker Schlöndorff , Werner Herzog , Werner Schröter und Istvan Szabo bis William Friedkin, Doris Dörrie , Emir Kusturica oder Bernd Eichinger . Manchmal war es erkennbar nur die Prominenz des Namens, auf den die Querbesetzung abzielte, dann blieb von dem Gastspielen nicht mehr als ein kurzes Starwinken auf dem roten Teppich der Eitelkeit. Manchmal sind die Regisseure an mangelndem Opernhandwerk gescheitert, etwa am Unvermögen, sich auf den starr vorgegebenen Erzählfluss der Musik einzulassen oder schlicht einen Chor lebendig auf der Bühne zu bewegen. Nur wenigen Regisseuren ist es bisher gelungen, das Spezifische ihrer Kinoästhetik auf die Theaterbühne zu übertragen, wie es etwa Michael Haneke vor vier Jahren in Paris machte, als er den Gefühlsfrost, der seine Filme durchweht, auch in Mozarts Don Giovanni spürbar werden ließ.

Das alles spricht nicht gegen Wim Wenders als Wagner-Regisseur. Vielleicht geht das Bayreuther Kalkül der beiden Wagner-Urenkelinnen Katharina und Eva ja auf, mit dem Engagement eines opernfernen und gleichwohl weit denkenden Künstlers hinter die Betriebsamkeit des Betriebs zurückzutreten. Vielleicht zeigt der Filmemacher uns den Ring, wie wir ihn noch nicht gesehen haben. All das, was sich in seinen Filmen vordergründig als vermeintliche Wagner-Nähe ausmachen lässt, wird ihm dabei freilich nicht sehr viel weiterhelfen. Sein Sinn fürs epische Erzählen, für mythische Überhöhung und elegische Gedankentiefe hat seine Grenze, wenn im Ring etwa ganz theaterpraktisch ein furchterregender Drache auf die Bühnenbretter geschoben werden und der Walkürenfelsen in Flammen aufgehen muss. Das bedächtige, adagiohafte Zeitmaß, mit dem die Wenders-Kamera so gerne durch die Welt gleitet, taugt ebenfalls nur scheinbar für Wagner, denn der Ring lebt nicht zuletzt von ruppigen Dialogen, aggressiven Durchbrüchen und effektheischender Action. Wim Wenders wird sich und seine Kunst für Bayreuth neu erfinden müssen.

Dabei gibt es allerdings ein Problem: Der Grüne Hügel bietet für metierfremde Künstler gar nicht die Zeit und die Mittel, mit Muße künstlerisch Außergewöhnliches zu entwickeln. Die Produktionsbedingungen sind knallhart. Die engen Probenzeitpläne drohen die Kreativität abzuschnüren. Das erzählen die Regisseure, die in den letzten Jahren in Bayreuth gearbeitet haben. Man hat die mahnenden Worte des alten Theaterhasen Hans Neuenfels vom letzten Jahr noch gut im Ohr, es müsse sich bei den Festspielen an den Arbeitsmöglichkeiten dringend etwas ändern. Auch wenn die spektakuläre Verpflichtung von Wim Wenders das nahelegt: Bayreuth ist im Moment nicht der Ort, an dem verrückte Leute verrückte Dinge ausprobieren können. Mitunter hat man eher das Gefühl, dass selbst erfahrene Regisseure dort Oper auf der letzten Rille produzieren. Aber Wenders hat die Verträge ja noch nicht unterschrieben. Er kann noch verhandeln.