Ein Tyrannensturz in der arabischen Welt, wo Diktaturen das Bild beherrschen wie nirgends sonst, nicht durch eine Palastrevolte, sondern durch einen Volksaufstand – das ist ein historisches Datum. Der 14. Januar 2011, an dem die Tunesier ihren Präsidenten Ben Ali aus dem Amt und ins Exil trieben, wird in die Freiheitsgeschichte des noch jungen 21. Jahrhunderts eingehen.

Das kleine Tunesien ist in mancher Hinsicht eine Ausnahme unter den arabischen Ländern. Aber der Typus des jetzt zusammengebrochenen Regimes, der autoritäre Sicherheits-, Polizei- und Geheimdienststaat, dominiert die islamische Welt vom Nordwesten Afrikas bis an den Persischen Golf. Er ist die erstickende, Fortschritt und Lebensglück blockierende politische Ordnung, unter der schon mehrere Generationen einer großen Menschheitskultur ihr Dasein fristen müssen. Mit dem Irakkrieg von 2003 wollte die Bush-Regierung dieser Ordnung einen tödlichen Stoß versetzen und eine demokratische Revolution im ganzen Nahen und Mittleren Osten anzetteln – ein gewaltiges, letztlich größenwahnsinniges Projekt, das gescheitert ist. Der Westen verdrängte das Reformthema wieder und arrangierte sich aufs Neue mit dem Status quo von Unterdrückung und Stagnation. In seiner Rede in Kairo, mit der Barack Obama im Juni 2009 die Aussöhnung mit der islamischen Welt suchte, berührte er die Fragen von Freiheit und Demokratie ausgesprochen vorsichtig.

Erst Modernisierung, später dann Demokratie – das ist keine Lösung

Jetzt, ohne Zutun aus dem Westen, werden diese Fragen wieder aufgeworfen. Nicht wir hier, sondern sie da nehmen die Veränderung selbst in die Hand. Noch lässt sich nicht sagen, wie stark die Wirkung des tunesischen Umsturzes auf den Rest der arabischen und muslimischen Welt sein wird. Aber schon jetzt muss der Westen sich entscheiden, ob er mit Furcht oder Hoffnung auf das Neue reagiert, ob er die Aussicht auf politischen Wandel im Maghreb und darüber hinaus begrüßen und fördern oder (insgeheim) davor zurückschrecken und auf den Erhalt der alten Ordnung setzen will.

Es gibt Gründe, mit der Hoffnung zurückhaltend zu sein. Die Lage in Tunesien bleibt gefahrvoll und unruhig. Doch die Zweifel reichen tiefer: Die Welt ist revolutionsmüde, vielleicht sogar demokratiemüde geworden. Zu viele Freiheitsbewegungen sind in den letzten Jahren gescheitert (in Iran) oder haben nach dem Sieg enttäuscht: in Georgien, der Ukraine, im Libanon, die alle keine gut funktionierenden Demokratien geworden sind. Auch ist die Angst nicht verschwunden, dass Volksherrschaft in der arabischen Welt schließlich Herrschaft der Islamisten heißen wird, trotz der jungen, überhaupt nicht langbärtigen, so westlich und nah wirkenden Demonstranten von Tunis.

Aber dass das demokratische Ideal keine Illusion ist, sondern eine Notwendigkeit, auch in der arabischen Welt – dafür sind die Anzeichen überwältigend. Eine Stabilitätspolitik, die sich mit Diktatoren gemeinmacht, opfert die Moral, ohne wirklich Stabilität zu gewinnen: Das illustriert die plötzliche Flucht von Ben Ali mit fast comicartiger Deutlichkeit. Man möchte nicht der französische Botschafter sein, der eines Tages bei der Regierung eines freien Tunesien zum ersten Neujahrsempfang erscheinen muss, nachdem sein Land dem Vorgängerregime so viel Zuwendung hat zukommen lassen.

Es stimmt, dass Demokratie nicht alles ist. Rechtsstaat, wirtschaftliche Reformen, gesellschaftliche Modernisierung sind ebenso nötig. Doch nichts davon hat Bestand, wenn es an jener Machtkontrolle fehlt, die nur von politischem Pluralismus und politischem Wettbewerb, von Meinungs- und Wahlfreiheit garantiert wird. Auch dafür liefert Tunesien das Beispiel: Das gestürzte Regime galt sozial und ökonomisch als durchaus progressiv. Aber wenn die Herrschenden und ihre Gefolgsleute niemandem Rechenschaft ablegen müssen, machen Korruption und Polizeiwillkür am Ende alle Fortschrittsgewinne zunichte. Die Demonstranten begehrten schließlich ebenso gegen ihre berufliche Perspektivlosigkeit wie gegen ihre politische Entmündigung auf. Erst Modernisierung, irgendwann später vielleicht Demokratie – das ist keine Lösung.

Für die Europäer kann das nur heißen, dass sie auf den Wandel setzen müssen, nicht auf das Bestehende. So weit es irgend geht, sollte man an den Staatsinstanzen vorbei die arabischen Zivilgesellschaften stärken. Das Ziel kann nicht einfach Verbesserung, es muss Veränderung des Status quo sein. In vielen Ländern dürften die Islamisten von Öffnung und Liberalisierung profitieren, das ist wahr. Aber nichts hat diese Islamisten so populär gemacht wie ihre Unterdrückung durch "moderate" Regime mit westlicher Unterstützung. Ein Ende der Repression würde das Ende ihres Märtyrer- und Außenseiterbonus bedeuten. Und ein muslimischer dritter Weg, eine bürgerlich-demokratische (vielleicht, der europäischen Christdemokratie entsprechend, islamisch-demokratische) Politik jenseits von Polizei- wie Gottesstaat, kann sich ebenfalls nur unter den Bedingungen der Freiheit entwickeln.

Freiheit in der arabischen Welt ist letztlich keine Gefahr, sie ist eine Chance. Es gab eine Zeit, da der Westen in Gestalt von Bushs Amerika mit dieser Wahrheit gewaltsam missionieren ging. Jetzt, da sie von Arabern selbst laut ausgesprochen wird, sollten wir keine Angst vor ihr bekommen.

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