Der hundertste Geburtstag des Ausnahmepolitikers Bruno Kreisky bietet nun Anlass für zahlreiche Rückblicke und Bilanzen. Aber auch zu der Frage, die über das politische Vermächtnis des Jubilars hinausreicht: Was blieb von einer Zeit, die nicht von ungefähr häufig das Goldene Zeitalter der europäischen Sozialdemokratie genannt wird?

Die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhundert waren nicht nur in Österreich ein Jahrzehnt, das unter sozialdemokratischen Vorzeichen stand. Die Parteien der Arbeiterbewegung stellten zum ersten Mal nach dem Krieg die Regierungschefs in der deutschen Bundesrepublik und in Österreich, Willy Brandt und Bruno Kreisky. Gemeinsam mit dem jüngeren, soeben in Schweden an die Spitze aufgerückten Genossen Olof Palme, den seine Kritik am Vietnamkrieg der USA über Nacht in aller Welt bekannt gemacht hatte, sorgten sie für eine neue Aufbruchstimmung. Der deutsche Journalist Peter Merseburger, ein TV-Veteran aus jener Zeit, schreibt in seiner Biografie über Willy Brandt: "Bestimmend für das sozialdemokratische Jahrzehnt der Siebziger sind die drei Musketiere Kreisky, Brandt und Palme."

Kreiskys Rolle? Der amerikanische Soziologe Norman Birnbaum, 84, Europakenner aus Washington (D. C.), misst besonders der internationalen Arbeit Kreiskys große Bedeutung für die europäische Entwicklung zu. Wenn er das politische Vermächtnis des "Hundertjährigen" aus Wien beurteilt, hat der emeritierte Professor der Georgetown-Universität keinerlei Scheu vor Pathos: "Bruno Kreisky war ein Leuchtturm der Aufklärung. Und seine Politik wirkte als Signal der Souveränität in einem Europa, das ein Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch in den Denkkategorien der Großmachtpolitik und des Kalten Kriegs gefangen war." Der Wiener Kanzler habe demonstriert, wie man auch auf schwierigem Gelände neue, eigene Wege gehen könne. "Er wollte historische Optionen erweitern, und er hat Willy Brandt ermutigt, die Ostpolitik voranzutreiben."

Das blieb ja in der Tat nicht ohne Wirkung. Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von Helsinki und deren Schlussakte samt den gemeinsam unterzeichneten Bestimmungen über Menschenrechte, wurden zum Sargnagel des Sowjetsystems. Kreisky und seine Genossen, allesamt selbstbewusste linke Antikommunisten, hatten kräftig mitgenagelt.

Gemeinsam mit dem schwedischen Freund Palme entwickelten Brandt und Kreisky gleichzeitig eine von den USA unabhängige Nahostpolitik, die in jenen besseren Tagen zu Gesprächen über Palästina führte und in den sogenannten Oslo-Prozess mündete. Das waren Phasen der Hoffnung. Dass der Versuch gescheitert ist, lag nicht an den Vermittlern.

Deshalb, so fasst Norman Birnbaum zusammen, rage der Österreicher heraus aus der Fülle seiner Zeitgenossen auf dem Kontinent. Nicht nur im eigenen kleinen Land. "Dieser Mann war ein großer Europäer." Der Kreis der heroischen Politikerfiguren in der Alten Welt war allerdings nicht groß im vergangenen Jahrhundert. Und gewachsen ist er seither kaum.

Der erste sozialdemokratische Kanzler der Zweiten Republik war jedenfalls der erste Kosmopolit der österreichischen Politik. Kreiskys Wahlsieg im März 1970 – und die drei folgenden – wurde weltweit beachtet, seine Außenpolitik in den 13 Jahren seiner Amtszeit erst recht. Dass innenpolitische Vorgänge, besonders sein Konflikt mit Simon Wiesenthal, gelegentlich einen Schatten auf das Bild des Weltpolitikers warfen, war unvermeidlich. Aber mehr ins Gewicht fielen Kreiskys Bemühungen um einen Ausgleich zwischen Ost und West, sein Einsatz für die Rechte der Palästinenser und sein Interesse in Fragen der Nord-Süd-Politik. Er, Brandt und Palme hatten sich die internationalen Aufgaben geteilt. Kreiskys Feld waren der Nahe Osten und später auch der Kampf gegen die globale Armut. Brandt leitete – neben der Sozialistischen Internationale (SI), deren Präsident er von 1976 bis 1992 war – im Auftrag der Vereinten Nationen die Nord-Süd-Kommission, Palmes Terrain waren die Abrüstungspolitik und der afrikanische Kontinent.