Als Steve Jobs, der Apple-Chef, vor rund einem Jahr das iPad vorstellte, jenes Zwittergerät aus Smartphone und Laptop, konnte man die Präsentation sogar, als handelte es sich um das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, im Liveticker von Onlinemedien nachverfolgen. Man notierte noch die beiläufigste Geste, rühmte sein Charisma, feierte das neue Produkt, bemerkte aber auch, dass Jobs ziemlich abgenommen hatte. Jobs war in der Vergangenheit schwer erkrankt gewesen. Er litt unter Bauchspeicheldrüsenkrebs, ihm musste später eine Leber transplantiert werden. Als Anfang der Woche bekannt wurde, dass Jobs erneut eine Auszeit vom Alltagsgeschäft nehmen muss , fielen die Aktienkurse rasant.

Kein Konzern scheint derart abhängig vom Gesundheitszustand seines Vorstandschefs zu sein wie Apple. Kein Konzern scheint mit seinem Vorstandschef derart in eins zu fallen.

Eigentlich hat man es sich längst abgewöhnt, Individuen eine allzu große Rolle im Lauf der Ereignisse zuzusprechen. Die Geschichtsschreibung konzentrierte sich einst darauf, Entscheidungen von großen Feldherren, mächtigen Herrschern oder Wirtschaftsbossen zu beschreiben und anschließend zu bewerten. Das schien der Moderne als ein ziemlich naiver Blickwinkel, man nahm sich komplexerer Strukturen an: Es wurden Ausbeutungsverhältnisse als Motor der Geschichte betrachtet, Mentalitäten, Diskurse und Schwarmintelligenzen. In unserer Gesellschaft scheint das Individuum jedenfalls einigermaßen machtlos, zu sehr handelt es in einem Netz aus Abhängigkeiten, um noch heroische Entscheidungen zu fällen – Soziologen sprechen von einer funktionalen Differenzierung aller Lebensbezüge.

Apple-Chef Steve Jobs aber haftet der Nimbus eines alteuropäischen Monarchen an. Die Fixierung auf den Gesundheitszustand des Apple-Chefs lässt sich jedenfalls mit dem besorgten Blick der Untertanen auf einen kranken Fürsten vergleichen. Man fürchtete einst nicht ohne Grund das Machtvakuum, das durch sein Ableben entstehen könnte. Das göttliche Band zwischen Volk und Herrscher wäre für eine gefährliche Zwischenzeit unterbrochen. So dachten offenbar auch viele Aktionäre nach der unheilvollen Nachricht über die Erkrankung Jobs’, deren Ausmaß noch unklar ist, und verkauften ihre Anteile.

Es gehört jedenfalls zum Reiz der Firma Apple, dass die avantgardistischen Produkte im Zeichen der Vormoderne vertrieben werden: Sobald der religiöse Zusammenhalt zwischen Jüngern und ihrem gottgleichen Anführer zu zerbrechen droht, scheint sogleich auch von den Produkten weniger Glanz auszustrahlen. Wie diese ja überhaupt stark auf den individuellen Körper ausgerichtet sind, mit ihm tendenziell verschmelzen. Hackte man einst dumpf in die Tasten einer extern angeschlossenen Tastatur oder bewegte eine extern angeschlossene Maus, so streicht man heute sanft über einen empfindlichen Bildschirm. Der Körper Jobs’ ist der jedes einzelnen Nutzers seiner Produkte.

Man könnte derlei, wie einst die Kritische Theorie, durchaus als Verblendung geißeln. Man könnte vom Fetischcharakter der Ware sprechen, von ihrem faulen Zauber, ihrer quasireligiösen Ausstrahlung. Den eleganten Apple-Produkten sieht man jedenfalls nicht an, dass sie von irgendwem, irgendwo, unter womöglich schwierigen Arbeitsbedingungen produziert worden sind. Sie scheinen während jeder Apple-Präsentation von Jobs wie Wunderwerke vom Himmel zu fallen.

Man könnte natürlich genau das auch feiern: als eine erstaunliche Erneuerung des Kapitalismus. Steve Jobs hat seinen Produkten eine Magie verliehen, die jeder Ideologiekritik trotzt . Es scheint allerdings, als seien sie, um auch in Zukunft attraktiv zu wirken, auf ihren Zaubermeister angewiesen.