Als die Unterlagen der Mailänder Staatsanwaltschaft im römischen Parlament eintrafen, sagte der Abgeordnete Pierluigi Castagnetti: "Ein Glück, dass es noch ein anderes Italien gibt als jenes, das uns aus diesen Dokumenten entgegenschlägt." Den Beweis für diese optimistische Behauptung blieb Castagnetti, der als Mitglied des oppositionellen Partito Democratico den Ausschuss für die Immunität der Abgeordneten leitet, allerdings schuldig. Denn das "andere Italien" droht zu verschwinden hinter den 389 Seiten, auf denen die Staatsanwälte ihren Antrag auf Aufhebung der Immunität von Silvio Berlusconi begründen. Ihr Verdacht gegen den Premierminister: Nötigung und Förderung der Prostitution Minderjähriger, ein extrem schwerwiegender Vorwurf gegen den 74-jährigen Ministerpräsidenten , dessen Partys und Affären seit Jahren die Öffentlichkeit in Atem halten.

Im Mittelpunkt des Skandals steht eine 18-jährige Gelegenheitsprostituierte aus Marokko, die zum Zeitpunkt ihrer ersten "Kontaktaufnahme" mit dem Premier nicht älter als 16 Jahre gewesen sein soll. In abgehörten Telefonaten, deren Protokolle in allen Medien ausgebreitet werden, ist von fünf Millionen Euro "Schweigegeld" für das Mädchen die Rede, gezahlt von Silvio Berlusconi. Andere junge Frauen, die zu Partys des Ministerpräsidenten geladen waren, sollen angeblich mit Wohnungen in dem von Berlusconi erbauten Mailänder Stadtviertel Milano Due "abgefunden" worden sein.

Der Skandal ist so enorm, der Verdacht so ungeheuerlich, dass der Rücktritt des Ministerpräsidenten wohl in jeder anderen europäischen Demokratie unausweichlich wäre. Nicht so in Italien . Berlusconis Gefolgsleute haben stattdessen die Losung ausgegeben, man müsse das Land von "Staatsanwälten erlösen, die unsere Freiheit bedrohen", der Premier selbst erklärte in einer ästhetisch an die Spätphase der Sowjetunion erinnernden Videobotschaft an das italienische Fernsehvolk, er habe es nie nötig gehabt, Frauen zu bezahlen. Im Übrigen habe er eine feste Freundin, die so etwas auch gar nicht dulden würde.

Prompt stürzt sich die Öffentlichkeit auf die "Neue" des mit knappster Mehrheit regierenden Illusionskünstlers . Wer ist sie? Die Kandidatinnen – allesamt ein halbes Jahrhundert jünger und Politikerinnen der Berlusconi-Partei – dementieren kokett. "Schön wär’s", sagt in Neapel Francesca Pascale, 25. "Berlusconi ist ein faszinierender Mann", sagt in Mailand Nicole Minetti, ebenfalls 25. Und in Turin klagt der Vater einer 26-jährigen Roberta: "Es wäre ein großes Glück für meine Tochter. Aber leider ist sie es nicht."

Der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi hatte gewarnt: "Italien ist heute krank wie zur Zeit der großen Pest. Die Amoralität verbreitet sich in allen Schichten unserer Gesellschaft." Das größte Problem hätten jene Eltern, die ihren Kindern erklären müssten, was da geschehe. "Und die vielleicht Töchter im Alter der jungen Frauen haben, deren Fotos man in allen Zeitungen sieht." Doch die Eltern, deren Töchter den sechsfachen Großvater Berlusconi frequentieren, scheinen darüber weniger entsetzt als erfreut zu sein.