Alte Natürlichkeit

Es gehört zur "Natur" des Menschen, seine Natur zu gestalten. Er tritt zu seinen "natürlichen" Vorgaben in ein gestaltendes Verhältnis. Er ist von Natur aus ein kulturschaffendes Wesen. Andernfalls wären schon Lesen und Schreiben "widernatürlich". Homosexuelle erfinden ihre Neigung nicht, sie finden sie vor. Wer sagt, dass diese Neigung aus christlicher Sicht nicht in "naturgemäßer" Weise gestaltet werden kann, muss dafür Gründe angeben. Letztlich läuft alles auf das alte Argument hinaus: Sexualität ist nur "natürlich", wenn sie die Möglichkeit der Fortpflanzung einschließt. Das aber wird in der evangelischen Kirche schon lange nicht mehr behauptet. So gesehen, hat das biblizistische Argument der Altbischöfe einen biologistischen Kern. Noch etwas: Die Altbischöfe kritisieren eine "Angleichung an die in der Gesellschaft üblich gewordenen Lebensformen". Jahrtausendelang haben die Kirchen den homophoben Mainstream repräsentiert – und sich nicht darüber beklagt, im Gegenteil. Das Evangelium hat aber nicht die Aufgabe, die Vorurteile des sogenannten gesunden Menschenverstands zu bestätigen. Jesus stellte die Ausgrenzung infrage, die in seiner Zeit gegenüber Fremden, Frauen und "Asozialen" als normal und natürlich galt. Der Lutherische Weltbund hat sich kürzlich als radically inclusive communion – als radikal einschließende Gemeinschaft – bezeichnet. Sollte das für Schwule und Lesben nicht gelten?

Bernd Oberdorfer, geboren 1961, ist Professor für Systematische Theologie in Augsburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Gotteslehre und theologische Konfliktforschung. Er ist Mitherausgeber des neuen Bandes "Tradition in den Kirchen" (Lembeck Verlag)