Im August 2007 bekam ich einen anonymen Anruf. "Mein Name ist Tarantula. Die Information, die ich Ihnen geben möchte, bringt mein Leben in Gefahr und wird das Ende des Schweizer Private Banking einleiten." Das war alles, was die mysteriöse Stimme sagte. "Tarantula" entpuppte sich als Bradley Birkenfeld, der frühere UBS-Kundenberater, mit dessen Enthüllungen die amerikanischen Behörden eine verheerende Untersuchung gegen die größte Bank der Schweiz untermauerten. Die UBS bezahlte eine Vergleichssumme von 780 Millionen Dollar, und sie übermittelte, auf Druck der Schweizer Regierung, die Namen von fast 5000 amerikanischen Offshore-Kunden nach Washington.

Rund drei Jahre nach dem Anruf von Birkenfeld – der inzwischen eine dreieinhalbjährige Gefängnisstrafe in einem amerikanischen Bundesgefängnis absitzt – klingelte mein Telefon erneut. Auch diesmal offerierte die Stimme brisante Informationen. Und wieder deutete sie physische Bedrohungen an. Aber anders als Birkenfeld machte der Anrufer diesmal kein Geheimnis aus seiner Identität. Es war Rudolf Elmer.

Ich dankte Herrn Elmer und sagte, dass ich mich – wie bei Birkenfeld – zuerst mit unserer Zentrale in London absprechen müsse. Wenige Tage später, bevor ich antworten konnte, wurde ich informiert, dass Herr Elmer sich entschlossen hatte, exklusiv mit dem Guardian zu verhandeln. Ein weiterer Kontakt sei nicht nötig.

Führte meine Vorsicht dazu, dass ich eine großartige Geschichte und eine elegante Nachfolge des Birkenfeld-Scoops verpasste? In den Augen von Herrn Elmer vermutlich schon.

Aber es fällt mir schwer, meinen Entscheid zu bereuen. Natürlich, die Bank Julius Bär, Elmers frühere Arbeitgeberin, spielte seine Vorwürfe herunter. Bankvertreter argumentierten, Elmers "Enthüllungen" seien bereits den Schweizer Medien feilgeboten worden, man habe sie teilweise als Fälschungen entlarvt. Kurz, sie seien nicht würdig, weiter kommentiert zu werden. Solche Abwiegelungen eines Unternehmens sollten nie für bare Münze genommen werden – obschon die Reaktion von Julius Bär freimütiger ausfiel als die pauschalen Dementi, mit denen die UBS anfänglich auf Birkenfelds Enthüllungen reagierte. Aber auch respektierte Schweizer Journalisten, die ich nach Elmer befragte, rieten mir, Vorsicht walten zu lassen; sie beschrieben Elmer als unberechenbar, phasenweise widersprüchlich und selten fähig, die harten Fakten zu liefern, welche seine faszinierenden Vorwürfe belegen könnten. Obendrein alterte sein Material, denn seinen Posten bei Julius Bär auf den Cayman Islands hatte er bereits im Dezember 2002 verlassen. Doch vor einigen Wochen schrieb ein Schweizer Sonntagsblatt ausführlich über Rudolf Elmer und das "unerklärliche" Stillschweigen der heimischen Medien, das seine Anwürfe umgibt; dies vor allem im Gegensatz zur großen Aufmerksamkeit, die Elmer im Ausland erhalten hatte.