Der neue Morgarten ist mit Teppich ausgelegt. Abgesehen davon, hat sich an den alten Fronten und Fragen wenig geändert im Schauspielhaus Zürich, der heute Abend am strengsten bewachten Kunststätte der Schweiz. Wird er kommen, der Anführer des feindlichen Ritterheers? Der fremde Vogt? Und, wenn ja, durch welche hohle Gasse? Die Freiheitskämpfer haben ihren Vorposten strategisch platziert, ein kleiner Haufen Unerschrockener hat neben den Theaterkassen Stellung bezogen. Unter der Führung von Oberstleutnant Hans Fehr wirbt ein Komitee für die Volkswahl des Bundesrates. Und Fehr schiebt den Kugelschreiber für die Unterschrift jedem, der nach den Urhebern dieses Begehrens fragt, noch vor der Antwort in die Hand. Die Uhr läuft, für alle.

19.10 Uhr. "Da sammelt einer Unterschriften, das passt mir gar nicht!" Wie eine Drohne auf der Abflugpiste schießt die künstlerische Direktorin aus ihrer Deckung. Der Protest ist die erste und letzte Wortmeldung von Barbara Frey. Ihr Haus ist seit Wochen ausverkauft, die Kasse führt Wartelisten, und die Sitzbelegung durch Presseorgane schlägt alle Rekorde. SVP-Nationalrat Fehr und seine Mannen werden umgehend des Platzes verwiesen.

19.15 Uhr. Einweisung des Garderobenpersonals, Bekanntgabe der Sicherheitsvorschriften. Das Theater ist von Beamten der Stadtpolizei bewacht und von Delegierten der größten zivilen Rettungsorganisation der Schweiz, Schutz und Rettung. Der Leiter des Abenddienstes fasst die Lage zusammen: "Eine Bombendrohung ist möglich." Taschen und Taschenähnliches sind deshalb im Zuschauerraum ausnahmslos verboten. Gemäß polizeilichen Auflagen hat die Türkontrolle "noch strikter als je zuvor" zu sein.

19.25 Uhr. Die Hektik hinter der Bühne ist groß. Sie liegt mindestens so schwer in der Luft wie der Geruch von Speck und Bohnen, der aus der Kantine alle Gänge und Zimmer im Hinterland penetriert. Ist Christoph Blocher bereits eingetroffen? Und wo bleibt der Premierminister aus Luxemburg, Jean-Claude Juncker? Während der SVP-Parteistratege vergeblich gesucht wird, gelingt zumindest die Enttarnung der luxemburgischen Delegation. Sie steht auf der Terrasse und raucht.

19.30 Uhr. Der Fotograf bittet die Presseverantwortlichen von Blocher und Juncker um ein gemeinsames Bild in der Garderobe. Die Schweiz wiegelt ab, Luxemburg lässt verlauten: "Für Herrn Juncker ist das kein Problem."

19.40 Uhr. Liveinterviews für die Hauptsausgabe der Tagesschau im Zuschauerraum des Theaters. Bevor der junge Mann des Schweizer Fernsehens seine Fragen stellen kann, schiebt sich eine elegante Dame aus dem Seiteneingang in den leeren Theaterraum und setzt sich auf einen der besten Plätze. Die Dame trägt eine große Tasche und beginnt hörbar darin zu suchen. Der Anflug von Panik im Gesicht der Presseverantwortlichen des Hauses schwindet erst mit der Erklärung: Bei der Invasorin mit verdächtigem Gepäck handelt es sich um Silvia Blocher, die Gattin des Politikers gleichen Namens.