Es gibt ihn noch, den Videotext. Auch wenn er zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie ein Relikt aus den frühen Jahren der Medientechnik wirkt, ähnlich überholt wie die Musikkassette oder die Schallplatte. Neben dem Breitband-Internet kommt der Teletext fade, fehlerhaft und schwerfällig daher. Und dennoch: Mehr als 16 Millionen Menschen in Deutschland zappen sich täglich per Fernbedienung durch die Videotexttafeln. Darauf setzen Fernsehsender, die mit Videotext Geld verdienen wollen, und auch einige Unternehmen, die dort Anzeigen schalten. Entstanden ist ein Markt voller Merkwürdigkeiten, die an die Grenze des Unseriösen reichen.

Es gibt Tafeln, die kennt fast jeder. 200 – dort beginnen die Sportnachrichten. 300 – das aktuelle Programm des betreffenden Senders. Die ersten 300 Tafeln sind meist noch gut sortiert und werden von einer Redaktion betreut. Dahinter beginnt der Wildwuchs. Im Videotext von Privatsendern wie RTL, Sat.1 oder ProSieben finden sich auf den hinteren Seiten diverse Erotik-Angebote mit harten Sprüchen, nicht nur zu später Stunde, sondern rund um die Uhr: "Chantal, 39, verwöhnt sich selber! Lausche ihr!" Oder: "Heisse Nina 40+ mit riesigen Brüsten. Zuhören und Hand anlegen." Chantal und Nina haben 0190er oder 0700er Telefonnummern, mit Tarifen ab 79 Cent pro Minute. Wer hier anruft, zahlt und weiß auch, was er bekommt, nämlich das Gesäusel der angewählten Dame. Dominant, devot, derb, dekadent, je nachdem, was die Videotexttafel verspricht.

Ganz anders verhält es sich mit Werbungen und Ratgeberseiten zu Finanzangelegenheiten. Die sind alles andere als transparent. Der Videotext von Privatsendern führt den Leser von Goldtopf zu Goldtopf – zumindest erwecken die Headlines einiger Seiten diesen Eindruck: "ALG II: Jetzt mehr rausholen" (RTLtext), "Frührente: So klappt es doch noch" (RTLtext), "Schuldenstress: Diese Briefe helfen" (Sat.1), "Miete senken: Jetzt Geld zurück" (ProSieben), "Ohne Ausbildung bis 7500,– verdienen" (RTL II). Wer mehr wissen will, muss zahlen. Die verheißungsvollen Seiten verweisen auf einen kostenpflichtigen Abrufservice, einen sogenannten On-Demand-Dienst. Dahinter steckt meist die convisual AG aus Oberhausen.

Doch was ist dran an diesen Angeboten? Die Tafel 547 im Videotext von Sat.1 lässt aufhorchen: "Versicherung: Jetzt bis 7000,– zurück". Weiter heißt es: "Ein neues höchstrichterliches Urteil lehrt Versicherungen das Fürchten. Wegen eines Formfehlers in den Verträgen können sich Kunden jetzt mehrere Tausend Euro sichern – auch für viele Jahre rückwirkend." Betroffen seien fast alle Policen. Zitiert wird dann noch Hans K., der in den vergangenen 20 Jahren angeblich 6200 Euro zu viel in seine Lebensversicherung eingezahlt habe und sich nun das Geld zurückhole. Mithilfe des Musterschreibens aus der "Info", wie Hans K. weiter zitiert wird.

Die "Info" ist eine Broschüre der convisual AG, die aus gefalteten und beidseitig bedruckten DIN-A4-Seiten besteht. Bevor sie per Post zugestellt wird, muss man sie aber telefonisch bestellen. Das kostet 5,99 Euro. Teilt man per SMS seine E-Mail-Adresse mit, erhält man eine Datei selben Inhalts, für 4,99 Euro.

Convisual bezieht sich in dieser "Info" auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes. Demnach müsse bei Versicherungsverträgen mit Ratenzahlung der effektive Jahreszins angegeben werden. "Ist das nicht der Fall, gilt der gesetzliche Effektivzins von vier Prozent. Haben Sie mehr gezahlt, können Sie die Differenz zurückverlangen und um eine Neuberechnung bitten – notfalls auch juristisch", heißt es in dem Informationsschreiben.