Im Alter von Ellen . In der Uniform einer Stewardess und mit streng gesteckter Frisur betritt Ellen den Film. Im lockeren T-Shirt und mit offenen Haaren wird sie ihn verlassen.

Wenn eine Schauspielerin einen Film in jedem einzelnen Bild zu tragen vermag, dann muss sie sehr gut sein. Oder ein Geheimnis haben. Oder beides, wie die Französin Jeanne Balibar. Gebannt folgt man ihr als rätselhafter Heldin durch Pia Marais’ Film

Dazwischen liegt ein Schock: Ellen erfährt von ihrem Freund, dass eine andere Frau ein Kind von ihm erwartet. Und ein geradezu magischer Moment: Auf irgendeinem afrikanischen Flughafen sieht die Stewardess durch ein Bordfenster einen Leoparden auf der Landebahn.

Normalerweise würden solche Szenen, Erschütterungen, Offenbarungen eine Selbstfindung nach sich ziehen, eine hübsche kleine Katharsis und ein paar Umwege, nach denen alles wieder ins Lot und in eine Erzählung gerät. Aber die Regisseurin Pia Marais macht in ihrem Film Im Alter von Ellen etwas anderes: Sie nimmt sich die Freiheit, ihrer Heldin in die Ungewissheit zu folgen. Sie schaut ihr dabei zu, wie sie sich aus der Bahn werfen und treiben lässt, den Übergangszustand annimmt, eine Art Zwischenwesen wird. Eine Durchreisende, die vielleicht gar kein Ziel mehr braucht.

Hals über Kopf verlässt die Stewardess ein Flugzeug kurz vor dem Start. Sie verliert ihren Job. Als versonnener Gast betrachtet sie eine Orgie in einem Flughafenhotel. Sie schließt sich einer Gruppe militanter Tierschützer an, beginnt ein Verhältnis mit einem der Aktivisten. All diese Stationen durchwandelt Jeanne Balibar mit somnambuler Entschlossenheit. Und wir wandeln mit ihr, durch gläserne Flughafenwelten, über Rollfelder, durch anonyme Hotels, Wohngemeinschaften und militante Happenings.

Dazwischen gibt es wunderbar selbstvergessene "Zwischenbilder", meist mit Tieren: ein Kätzchen, das mit sich selbst herum tollt. Mäuse, die nach einer Tierbefreiungsaktion durch die Nacht fiepen. Ein kleiner Affe, den Ellen in einer Wohnung abliefert. Vielleicht hat Ellen im Leoparden sich selbst als reine Kreatur erkannt. Und vielleicht sind all die Dinge, die den Menschen ansonsten in der Bahn halten – Job, Beziehung, Familie –, ja doch nur Ablenkungen von dieser reinen Kreatürlichkeit.

Konsequent wirft Pia Marais ihre Heldin auf sich selbst zurück, gibt ihr keine Vergangenheit, keine Geschichte, nicht das kleinste Fitzelchen Psychologie. Durch Jeanne Balibars leicht französischen Akzent taugt nicht einmal die deutsche Sprache als Zuhause. In dieser bis zuletzt nicht aufgelösten Rätselhaftigkeit hat Ellen etwas Befremdliches, Irritierendes, manchmal Verstörendes – aber immer Faszinierendes. Fast scheint es, als wäre diese Frau zu Gast in der eigenen Existenz. Und je länger dieser mutige, mit nichts zu vergleichende Film dauert, desto mehr fragt man sich, ob wir das nicht alle sind.