Im Jüdischen Museum in Berlin gibt es eine Vitrine, in der nur ein leinenes Handtuch liegt. Daneben steht angeschrieben, dass es einer Frau gehörte, die es eines Abends im Februar 1939 bügelte und ihrem Sohn in den Koffer packte, der am nächsten Tag mit einem Kindertransport nach England reiste. So überlebte er den Holocaust, während die Mutter in Auschwitz ermordet wurde. Der Junge, der als fast Achtzigjähriger das Handtuch dem Museum überließ, hat es nie benutzt.

In dieser Ausstellung habe ich einmal darüber nachgedacht, ob wohl so etwas wie die Handgriffe dieser Frau auf dem Tuch noch sichtbar wären oder wie es kommt, dass es eine solche Vitrine überhaupt gibt und warum unter allen Alltagsgegenständen, die Juden während des "Dritten Reiches" mit sich nahmen oder zurücklassen mussten, gerade dieser dort liegt. Wenn auf einmal so eine Art Verbindung entstünde, zwischen dem Abend, an dem die Frau das Handtuch einpackte, und dem Tag, an dem ich es im Museum betrachtete: Wie könnte ich ihr erzählen, was dazwischen lag? In diesem Moment habe ich verstanden, warum man im 20. Jahrhundert angefangen hat, Geschichten zu misstrauen, die sich den Anschein geben, von einem Anfang bis zu einem Ende in einer sinnvoll sich ineinanderfügenden Reihe von Gründen, Motiven und Ereignissen erzählbar zu sein. Denn diese Geschichte wäre monströs gewesen.

Aus solchen Momenten des Schwindels, in denen man glaubt, quer durch die Zeiten und Menschenleben blicken zu können, machen Nicole Krauss und ihr Lebensgefährte Jonathan Safran Foer Romane. Und zwar solche, von denen es oft heißt, sie seien "formal ambitioniert", weil sie eben nicht linear vor sich gehen, sondern, wie jetzt auch Krauss’ neuestes Buch, aus unterschiedlichen Stimmen, Perspektiven und Episoden konstruiert sind. Das große Haus besteht aus den Ich-Erzählungen vierer Figuren, deren Wege sich bis zum Schluss nicht kreuzen.

Eine junge New Yorker Schriftstellerin begegnet in den Siebzigern einem chilenischen Lyriker, der ihr seine Möbel überlässt, bevor er wenig später in Pinochets Foltergefängnissen umkommt. Ein halbes Leben später erleidet sie eine Schreib- und Existenzkrise und reist nach Jerusalem. In Israel berichtet ein Vater seinem Sohn, unter dessen Verschlossenheit er zeitlebens gelitten hat, von seiner Angst vor dem Tod. Ein britischer Literaturprofessor findet in den Sachen seiner dementen Frau Zeugnisse einer Vergangenheit, von der er nichts wusste. Ein Mädchen verliebt sich in einen Jungen. Dessen Vater, ein geheimnisumwitterter Antiquitätenhändler, sucht manisch einen bestimmten Schreibtisch, der im Arbeitszimmer seines Vaters stand, bevor der 1944 in Budapest verhaftet wurde. "Im Gegensatz zu Menschen, pflegte er zu sagen, verschwinden die leblosen Dinge nicht einfach."

Dieser Tisch also ist der schicksalhaft dräuende "missing link" zwischen den Figuren. Wie um seine materielle Zähigkeit zu unterstreichen, ist er nicht allein "ein sehr männlicher Tisch", sondern vor allem "ein riesiges, bedeutungsträchtiges Ding", "ein groteskes, bedrohliches Monstrum" mit neunzehn Schubladen. Keineswegs kommt er übrigens in allen vier Erzählsträngen vor, die allerdings einigermaßen subtil ineinander verhakt sind, sodass der Tisch doch als der zentrale Agent erscheint, der ihre Ereignisse erst auslöst. Seine Funktion im Roman ähnelt der des Handtuchs im Jüdischen Museum. "Nur durch die Fetischisierung der Geschichte im Gegenstand wird sie verständlich", um eine Formulierung von Susan Sontag zu gebrauchen.

Nun ist es aber leider recht mühselig, der Spur des Schreibtisches durch den Roman zu folgen, weil Krauss ihn mit einer Reihe weiterer schwerwiegender Sujets vollstopft. In allen Erzählungen kehren Motive und Formulierungen wieder, von denen jene, eine Figur habe "ihr ganzes Dasein für das Innenleben reserviert", die signifikanteste ist. Damit soll wohl begründet sein, dass die Charaktere eine entsetzliche Bereitschaft zur Selbstbespiegelung teilen. Was allein schon deshalb unglaubwürdig ist, weil sie nach Geschlecht, Alter und Milieu unterschiedlich sind. Nichtsdestotrotz zermartern sich alle in der abgegriffenen Diktion populärpsychologischer Ratgeberliteratur mit dem Umwälzen von Feststellungen über ihren Seelenhaushalt.