Er ist fünfzig, seit einigen Jahren quälen den Mann chronische Unterleibsschmerzen, er kann nicht schlafen, das Pinkeln macht Probleme, im Penis ziept es. Der Mann schreibt ein Buch, das von Schließmuskeln, Prostata, Darm und Impotenz handelt. Aber wir sind nicht im Spätwerk von Philip Roth, auch nicht in einem Medizin-Ratgeber, sondern in einer Geschichte von Tim Parks. Der hat schon einige Romane über die Sinnprobleme von Männern in ihren besten Jahren und über die irrationalen Untergründe unseres Lebens geschrieben, ist ein gebildeter Kenner der europäischen Geistesgeschichte, und nun erzählt er eine medizinische Odyssee. Eine wahre Geschichte. Seine Odyssee.

Erste Station: die kühle Welt von Ultraschall, Zystoskopie, Urogramm und transurethraler Resektion. Die Untersuchungen zeigen keinen Befund, selbst der teuerste Londoner Urologe findet nichts. Aber der Schmerz bleibt. Schmerzumflort widersteht der Skeptiker den Lockungen der Chirurgen. Zweite Station: Der Zufall spült ihn in die Praxis eines indischen Ayurveda-Arztes. Der schaut ihn lange an, dann lächelt er: Parks solle sich um das "Gerangel in seinem Kopf" kümmern. Es folgt eine wilde Irrfahrt durch den Selbsthilfewirbel im Internet, in dem westliche Männer mit Beckenkrämpfen (je nach Statistik trifft es fünfzehn bis fünfzig Prozent) die Heilkräfte von frischem Petersiliensaft, Analstimulatoren, Adrenalinblockern, Kondomkathetern, Bienenhonig oder Neil-Young-Songs ausrufen. Mitten im Strudel der Rezepte bietet eine kleine Insel der sanften Vernunft Zuflucht: ein Buch über Entspannungstechniken mit dem Titel Kopfschmerz im Becken.

Zug um Zug taucht der leidende, dauerreflektierende Skeptiker so in eine Sphäre, die ihm bis vor Kurzem noch verdächtiger war als alle Schneidelust der Chirurgen: Shiatsu, Yoga, schließlich Vipassana-Meditation – bei einem ehemaligen CIA-Agenten, der sich vor Jahrzehnten der östlichen Weisheit verschrieben hatte. Wäre Tim Parks nicht gegen jegliche Metaphysik, Mythologie und Mystik geimpft, nicht so selbstironisch, humorvoll und belesen – man folgte ihm nicht so bereitwillig auf seinem "Weg zur Heilung". Er führt von der Panik, die ihn angesichts der Zumutung packt, ausgerechnet die wachsten Stunden des Tages flach zu liegen und auf die Sprache seiner Organe zu achten, immer tiefer in die Arbeit der wortlosen Konzentration auf seine körperlichen Empfindungen: die "Felsbrocken im Bauch", das "Koboldfeuer in den Muskeln", den Atem auf der Haut. Die Aufmerksamkeit rutscht immer wieder ab, als wolle er "in Ballettschuhen eine Eiswand erklimmen". Aber schließlich macht Parks Bekanntschaft mit dem, was ihm unbemerkt selbstverständlich war: "Die Verspannung war permanent und überall vorhanden. Ich putzte mir die Zähne wie wild, so als wollte ich sie abschleifen. Ich zog meine Socken mit solcher Heftigkeit an, als wollte ich die Zehen ganz hindurchstoßen. Ich band mir die Schuhe zu, als wollte ich die Schnürsenkel zerreißen. Meine Hände umklammerten das Lenkrad, als wollte ich es zerbrechen." Die Erkenntnis dämmert: Es geht nicht um einen Krampf im Becken, Tim Parks ist der Krampf. Indem dieser Krampf sich lockert, weitet sich der Blick: vom Symptom im Unterleib auf die Inspektion der abendländischen Aktivitätskultur.

Die ebenso schamlose wie gelehrte Reise führt in Mäandern von Parks’ Körperöffnungen zurück in eine Familie, in der strenge Religiosität bruchlos neben nüchternster Wissenschaftsgläubigkeit stand – Musterexemplare der cartesianischen Spaltung. Weiter geht es: vorbei an funkelnden Fallstudien der Unterleibsschmerzen von Coleridge, Beckett, Leopardi oder Mussolini, an Millionen "übereifriger Streber, die Jahr für Jahr ihren Beckenboden verspannen, während sie sich den Hintern aufreißen, um Ansprüche zu befriedigen, die mit Gesundheit nichts zu tun haben", bis hin zu Bildern von Velazquez und phallischen Kultstelen in Norditalien. Und weiter: in den Urgrund der Anthropogenese, zur stolzesten Errungenschaft des Homo sapiens, dem Denken und der Sprache. "Was war eigentlich so schlimm an Worten? Vermutlich dasselbe, das gut an ihnen war.

Ohne Worte ist es schwierig, sich auf etwas zu beziehen, das nicht hier und jetzt vor uns steht, es ist schwierig, zu abstrahieren, Pläne zu schmieden. Schwierig, sich Sorgen zu machen." Mit Worten und Gedanken überwinden wir die Beschränkungen von Körper, Raum und Zeit, "heutzutage frisst der Geist den Körper auf. Wir sind zu Hirnvampiren geworden, die sich selber den Lebenssaft aussaugen. Sogar beim Joggen spielt sich unser Leben nur noch im Kopf ab. (...) Selbst wenn es sich am körperlichsten anfühlt, ist es geistig. Das moderne Fitnessstudio mit seinen Geräten und Spiegeln und die Schönheitschirurgie sprechen für sich. Ebenso die Pornographie und die Begeisterung für Unterwäsche. Der Geist erfindet den Körper."

In der Krise seiner Selbsterkundung beschließt Park, nie wieder zu schreiben. Auch das ist nur – ein Gedanke. Nach wie vor sind ihm indische Mythologeme fern und fremd, die Yoga-Liturgie der universellen Versöhnung, der Gedanke der Wiedergeburt "Quatsch". Es sind nicht esoterische Gedankenbrocken, sondern der wandernde Schmerz, die "kleinen Tümpel des Wohlbefindens", die Körpererfahrung in der Meditation, die seine Erkundungsfahrt weitertreiben: "Am vierten Tag weinte ich. Über diese Erfahrung zu sprechen, ist mir peinlicher, als von meinen Pinkelproblemen zu berichten (...). Das Weinen überfiel mich wie ein Sturm. Ich wurde geschüttelt. Die Krise dauerte eine halbe Stunde." In ihr wird die Wand zwischen Ich und anderen, Denken und Fühlen, zur Membran, ein körperliches Empfinden des Verbundenseins mit Nächstem und Fernstem – auch mit dem Tod – strömt ein. Mystik? Es bleibt in der Schwebe, nur dies: "Wie kannst du so tun, als wollest du der Kleinteiligkeit der westlichen Medizin entkommen, und dich dann beschweren, wenn jemand aufs Ganze geht", so denkt er, als der Meditationslehrer die Liebesverse aus Korinther 1,13 zitiert, "vielleicht ist es unmöglich, Körper und Geist zu vereinen, ohne beide gleichzeitig mit allem anderen zu vereinen".

Drei Jahre dauert die Odyssee, dann sind die Beschwerden verschwunden, das Gerangel ist entwirrt, zwischen dem "Menschentier" Tim Parks und dem Pensum, als das ihm das Leben erschien: "etwas erreichen, jemand werden, Preise zu gewinnen, geachtet zu werden, es zu etwas bringen". Die Furcht, auf der Reise sein Selbst zu verlieren, ist verflogen. Immer noch ist er derselbe, alles ist nur ein wenig anders: der Blick auf seine Studenten liebevoller und genauer, seine Haltung aufrechter, sein Urteil sanfter. "Die Schmerzen waren gekommen, dachte ich, weil ich das brauchte."