Mit Anfang 20 sah es bei ihr auch aus, als ob es sie umhauen würden – aber aus ganz anderen Gründen. Ihr erstes Album, Monarch , ist 1999 erschienen und war ein gewaltiger Flop. Gerade einmal 1000 Exemplare wurden verkauft, die Karriere der Leslie Feist schien beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. "Es war schrecklich. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen, wie ich mich abgerackert habe, weil niemand meine Musik hören wollte. Es wurde einfach nicht besser, egal, was ich versuchte. Es fühlte sich immer schmutziger an. Und irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich aufhörte mit der Musik." Sie hatte kein Geld und fing an zu jobben, als Kellnerin und als Hilfsköchin, eine Woche lang versuchte sie sich mit Rosenentdornen in einer Gärtnerei, länger hielt sie es nicht aus. "Ich saß in meiner Wohnung und habe mich gefragt, was aus meinem Leben wird. Vielleicht hast du es doch nicht in dir, dachte ich." Diese Phase dauerte zwei lange Jahre.

Dann meldete sich Merrill Nisker, mit der sie sich zuvor eine Wohnung in Toronto geteilt hatte. Mittlerweile war sie nach Berlin gezogen und nannte sich Peaches. Sie brauche dringend eine Backgroundsängerin für eine Tournee durch europäische Clubs. Leslie Feist flog sofort nach Wien, wo das erste Konzert stattfand, anschließend blieb sie in Berlin. Dort wohnte nun auch Jason Beck, ein Musiker, den sie ebenfalls aus gemeinsamen WG-Tagen in Toronto kannte und der sich jetzt Chilly Gonzales nannte. Leslie Feist wurde auch seine Begleitsängerin, schlief auf Sofas ihrer Freunde, lernte Berlin kennen und ein bisschen Deutsch, "Kaffee zum Mitnehmen, bitte", "Danziger Straße 10, Ecke Schönhauser" – ihre Adresse kann sie noch heute auswendig sagen. Und "Ohrwurm", sie lacht, wenn sie das Wort ausspricht. "Damals dachte ich: Okay, ich habe meine Rolle gefunden, ich begleite meine Freunde, ich kann immerhin Musik machen und davon leben. Ich werde immer ein B-Girl sein."

Die Sonne scheint durchs Fenster an diesem Nachmittag in Toronto, und Leslie Feist versucht ihr auszuweichen. Nach einer halben Stunde hat sie sich umgesetzt, doch die Sonne ist schon weitergezogen, und wieder legen sich einige Strahlen über ihr Gesicht. "Die Sonne verfolgt mich", sagt sie, wirkt irritiert, ein kurzer Ruck geht durch ihren schmalen Körper, dann lacht sie, setzt sich ein paar Zentimeter weiter in den Halbschatten, entspannt sich wieder. Es ist genau die Position, die sie mag: Man soll sie ruhig sehen, aber sie möchte sich dennoch geschützt fühlen. Sie will wahrgenommen, aber nicht grell ausgeleuchtet werden. Vielleicht ist ihr deshalb die Rolle des B-Girls so leichtgefallen.

Sie hat immer gesungen, sagt sie, in ihrer Kindheit ist sie den ganzen Tag trällernd durch ihr Elternhaus gelaufen. Als Teenager wurde sie Punk und sang gleichzeitig im Chor, gründete mit 15 ihre erste Band, verließ mit 16 die Schule und ging auf Tournee, zog nach Toronto, in die große Stadt, lernte Peaches und Gonzales kennen. Als Peaches vor Kurzem in Toronto war, haben sich die Freundinnen darüber unterhalten. "Damals dachten wir: Was für eine coole Wohnung. Dabei fiel der Putz von der Decke, die Kakerlaken waren riesig, und wenn es regnete, lief das Wasser direkt in die Zimmer." Die Queen Street war laut, Straßenlärm rund um die Uhr, und wenn um zwei Uhr nachts die Bars zumachten, wurde es noch lauter.

Leslie Feist hat das damals nicht gestört, sie spielte Gitarre und schrieb Songs, die sie mit einem Vierspur-Tonbandgerät aufnahm. Um die Ecke war die Feuerwehr, und einmal, mitten in einer Aufnahme, ging die Sirene los. "Es war verrückt", sagt sie, "die Tonlage passte zur Musik!" Also spielte Leslie Feist weiter und nahm das Lied zu Ende auf. "Vielleicht", sagt sie heute, "habe ich damals ein Gefühl dafür entwickelt, dass es schön ist, wenn man beim Aufnehmen von Songs das Zufällige zulassen kann. Es macht die Musik persönlicher."

Kurz bevor sie nach Europa reiste, stellte sie ihre Lieblingssongs zusammen und brannte sie auf genau zwölf leere CDs, so viele, wie in der Packung waren, die sie gekauft hatte. Eine Freundin, die bei einer Zeitschrift arbeitete, nahm sie eines Nachts heimlich mit in die Redaktion, sie wollte die CD-Cover kopieren. "Meine Freundin nahm rotes Papier, also dachte ich, gut, dann nenne die Songs The red demos ." Mit den zwölf CDs im Gepäck reiste Leslie Feist anschließend als Backgroundsängerin durch Europa, und immer wenn sie jemanden traf, von dem sie hoffte, er würde die Musik mögen und ihr helfen, gab sie ihm ein Exemplar.

Einmal begleitete sie Chilly Gonzales nach Spanien für einen Auftritt bei einem DJ-Festival. "Der Backstage-Bereich war auf der Bühne, nur durch ein weißes Tuch abgetrennt, und dort saß ich bis nachts um vier Uhr bei lauter, extrem schneller Technomusik und wartete auf meinen Auftritt." Wer die leise Folkmusik von Feist kennt, ahnt, dass es ihr nicht besonders gut ging. (Während sie davon erzählt, verzieht sie das Gesicht, als ob sie körperliche Schmerzen hätte.) Während sie wartete, kam sie mit einem DJ ins Gespräch und erzählte ihm, dass sie eigentlich ganz andere Musik mache. Der DJ sagte, er eigentlich auch. Sie dachte: Ja, ja, sicher. Beide drückten sich gegenseitig ihre CDs in die Hand. Der DJ war Erlend Øye , die gerade erschienene CD seiner Band Kings of Convenience hieß Quiet Is The New Loud , ein Album, das in den folgenden Jahren eine Welle von neuer Folkmusik auslösen sollte. Ausgerechnet an einem lauten Ort haben sich also zwei Musiker kennengelernt, die gerne leise spielen – und damit Popgeschichte schreiben sollten.