Eine recht ungewöhnliche Adresse, fern der Innenstadt, in der Parklandschaft der Herrenhäuser Gärten von Hannover. Und doch könnte dieser Ort, könnte das sogenannte Wallmodenpalais kaum besser gewählt sein. Hier gehört sie hin, die Sammlung mit ihren rund 35.000 Karikaturen und Grafiken. Ursprünglich verdankt sich das Palais einer Liaison des englischen Königs Georg II. mit Lady Yarmouth.

Der illegitime Spross und spätere Reichsgraf Wallmoden ließ es 1779 für seine Antikensammlung errichten und machte es sogar als eines der ersten Museen in Deutschland öffentlich zugänglich. Heute präsentiert das vor einigen Jahren renovierte Schlösschen die mal humorigen, mal scharf gewürzten Kommentare zum Treiben der Mächtigen. In den ehemaligen Privatgemächern Wallmodens kann man all die Blätter studieren, mit denen William Hogarth, die Brüder Cruikshank oder Thomas Rowlandson die Sitte der Geldheirat, die Trunk-, Herrsch- und Habsüchte und manch andere allzu menschliche Gepflogenheit aufs Korn nahmen und damit dem Genre der Karikatur im 18. Jahrhundert erstmals eine breitere Öffentlichkeit verschafften.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

In ihrer Blütezeit war die Karikatur ein Stück Aufklärungsarbeit, und im Kern versteht sie sich auch heute noch so – als eine Kunst, die übertreibt, decouvriert und mit dem Stift Moral einklagt. Vom kolorierten Sittengemälde bis zum schnellen Strich des tagesaktuellen Kommentars, von der psychologischen Charakterstudie bis zum ausgefeilten grafischen Kunstwerk hat sie eine bemerkenswert breite Palette an Techniken und Ausdrucksformen entwickelt, die ihr bis heute ihren Stamm an Liebhabern garantieren – auch wenn sie auf dem Kunstmarkt nur eine marginale Rolle spielt. Sogar bis in die Tageszeitung hat sie es geschafft, wo sie neben dem Leitartikel bis heute ihren Platz behauptet. Natürlich sind im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch, wie sich das Haus seit Kurzem nennt, nicht nur Engländer zu sehen. Lange Zeit war das 1937 gegründete Museum ausschließlich seinem berühmten Namensgeber gewidmet.

Sein Werk hat man in zahllosen Ausstellungen in allen seinen Facetten ausgebreitet. Wilhelm Busch – populär und unbekannt : Dieser Titel einer aktuellen Ausstellung (noch bis zum 6. Februar) trifft es gut, denn der Künstler mit der verschlungenen Biografie war nicht nur der notorische Humorist und Redenstichwortgeber, nicht nur "Erzvater des deutschen Comics", der sich mit seinen Bildergeschichten ("Ritze Ratze, voller Tücke in die Brücke eine Lücke") in die kollektive Erinnerung der Deutschen eingegraben hat. Diese Geschichten dienten sogar eher nur als beiläufige Einnahmequellen: Busch war nicht zuletzt ein Maler mit schwungvollem Pinselstrich, der sich selbst als Nachfahre eines Frans Hals sah.

Im Geist dieses großen Namensgebers wird heute das Ausstellungsprogramm in Hannover gestaltet. Das heißt: Neben Busch sieht man Satirisches aus rund vier Jahrhunderten, wobei man dank diverser Zustiftungen, Leihgaben und Schenkungen inzwischen einen Bestand besitzt, der seinesgleichen sucht. Da sind die französischen Karikaturisten des 19. Jahrhunderts mit Honoré Daumier an der Spitze, der eine Typologie der Finanzbourgeoisie seiner Tage entwickelt hat, die man angesichts heutiger Zustände durchaus aktualisieren könnte; da sind die gesellschaftspolitisch nicht weniger engagierten Zeichner des Simplicissimus oder des Charivari und dann natürlich die bekannten Größen unserer Tage: Saul Steinberg, Sempé, Flora, Toni Ungerer oder der Österreicher Manfred Deix – allenthalben Zeichner, deren Arbeiten eher quer zum gegenwärtigen Kunstgeschehen stehen, weil sie auf den gesellschaftspolitischen Kommentar nicht verzichten und diskursiv entschlüsselt werden wollen.

Eines der besten Beispiele für den Geist des Hauses ist denn aber doch wiederum ein Engländer. Der Zeichner Ronald Searle, anlässlich dessen 90. Geburtstags derzeit eine große Retrospektive stattfindet (bis zum 27. März), hat seit den vierziger Jahren für den Punch, zuletzt für Le Monde und dazwischen für zahllose andere Magazine der Welt gezeichnet und dabei vom Kriegsberichterstatter über den Reportagezeichner, Buchillustrator, Werbegrafiker und Trickfilmzeichner den Weltkreis des Karikaturisten so ziemlich abgeschritten. Dass man in Hannover von dem jetzt in Südfrankreich lebenden Künstler den gesamten Bestand als Schenkung erhielt, und nicht etwa das British Museum oder das neue Londoner Cartoon Museum – das spricht gewissermaßen Bände. Apropos: Zur Schenkung gehörte auch Searles Bibliothek zur Geschichte und Theorie der Karikatur, darunter Mary Darlys A Book of Caricaturas, on 60 Copper Plates, with ye Principles of Designing, in that Droll & pleasing manner (1762), eine Delikatesse sowohl für Bibliophile wie für die Liebhaber der ironischen Weltsicht.

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