Die Menschen im Südsudan haben sich mit großer Euphorie für die Unabhängigkeit entschieden, die ihnen seit 1956 verweigert wurde. Die offizielle Verkündung des Endergebnisses steht noch aus. Doch es besteht kein Zweifel: Nach zwei jahrzehntelangen Bürgerkriegen wird im Süden des größten afrikanischen Landes ein neuer Staat entstehen.

Die internationale Gemeinschaft ist erleichtert, dass das Referendum weitgehend friedlich abgelaufen ist und man sich nun auf den Staatsaufbau im Süden konzentrieren kann. Der Machthaber in Khartum, Präsident Omar al-Baschir, gibt sich staatsmännisch und versichert, dass seine Regierung die Souveränität des Südsudans anerkennen werde. Seinem (nunmehr geschrumpften) Volk hat er ein drastisches Sparprogramm verordnet, begründet mit der Abspaltung des Südens. Der Präsident des Südsudans, Salva Kiir, hat zur Versöhnung mit all denen aufgerufen, die während der letzten Jahrzehnte für das Morden an der Zivilbevölkerung verantwortlich waren. Und er verspricht gute Regierungsführung. Nach allen Spekulationen über einen möglichen neuen Krieg zwischen Nord und Süd (und trotz aller noch offenen Fragen über den zukünftigen Grenzverlauf und die Verteilung der Einnahmen aus dem Ölexport) könnte man nun der Zukunft in dieser Region mit etwas mehr Optimismus entgegen sehen.

Bloß wird bei alldem übersehen: Mit der Unabhängigkeit des Südens wird es nun zwei souveräne Staaten im Sudan geben, deren politische Verfasstheit reichlich Anlass zur Sorge gibt. Im Norden deutet vieles auf eine Renaissance radikal-islamischer Politik hin; im Süden wird eine Einparteien-Demokratie entstehen, deren einziger Akteur, die aus der Befreiungsbewegung hervorgegangene SPLM, bislang keine Bereitschaft zeigt, Opposition und öffentlichen Dissens zu dulden. Die UN, die USA, die Europäische Union, die afrikanischen Nachbarn, aber auch Länder wie China mit handfesten ökonomischen Interessen im Sudan haben diesen Prozess hin zur Sezession unterstützt – zum Teil mit durchaus guten Gründen. Aber jede weitere politische Strategie für die Region setzt die Einsicht voraus, dass man es nun mit einem religiös radikalisierten, repressiven Staat im Norden und einem fragilen Staat mit autoritärer Elite im Süden zu tun hat. Man könnte es auch böser formulieren: internationale Intervention dient hier auch als Instrument zur Stabilisierung fragiler autoritärer Regierungen.

Die Geschichte des Südsudans ist gekennzeichnet von Bürgerkrieg, manipulierten Verhandlungen, gebrochenen Verträgen und internationalen humanitären Interventionen mit oft ambivalenten Folgen. Dem Norden ging es immer um die Durchsetzung der Scharia als einzig gültige Grundlage des Staats– und Rechtssystems, als eisernes Band, um ein Land zusammenzuhalten, dessen Randprovinzen von Khartum ausgebeutet oder völlig vernachlässigt wurden. Mit ebendiesem Ziel hatte Omar al-Baschir 1989 gewaltsam die Macht übernommen. 1992 wurde durch eine Fatwa der Dschihad gegen alle Ungläubigen im Südsudan erklärt. Der Krieg eskalierte zu einem der verheerendsten in der Geschichte Afrikas.

Die Geschichte des Sudans ist aber auch ein Lehrstück über die kurze Aufmerksamkeitsspanne und die verzerrte Wahrnehmung des Landes durch die internationale Gemeinschaft.