"Philosophen", so lautete eine der Parolen, die die Studenten in den siebziger Jahren an die Seminarwände pinselten, "Philosophen verstehen vom Einzelnen alles, aber vom Ganzen nichts." Übersetzt hieß dies: Liebe Professoren, Ihr seid zu Fachidioten verkümmert. Ihr verlauft Euch im Unterholz von Ethik, von Erkenntnistheorie und Logik . Ihr seid Meister des Kleingehäckselten, Ihr sprecht ein Stammes-Idiom, dessen Gemurmel Ihr nicht einmal selbst versteht. Auch Jürgen Habermas geriet damals ins Visier; der Shootingstar der Frankfurter Schule habe den Sturm der Revolution zum lauen Lüftchen des Reformismus abgekühlt. Anstatt das große Buch der Geschichte zu entziffern, lese er nur das Kleingedruckte und predige Demokratie und Diskurs.

Alles Schnee von gestern? Nein, keineswegs. Die Erwartung, Philosophen müssten wieder "aufs Ganze gehen", ist unter theoriehungrigen Studenten wieder weit verbreitet, nach der Finanzkrise vielleicht stärker denn je. Die "Denkbeamten", so fordern sie, müssten wieder das "System an sich" auf den Begriff bringen, das große Ganze und die Logik der kapitalistischen Moderne. Tatsächlich gibt es am vitalen Rand der akademischen Denkschulen genug Autoren, die ihnen diesen Wunsch erfüllen, zum Beispiel Giorgio Agamben, Alain Badiou, Toni Negri oder Slavoj Žižek . Diese "wilden Denker" nehmen, durchaus legitim, die Moderne als Gesamtkatastrophenveranstaltung in den Blick, und gerade Agamben hat es dabei zu einiger Meisterschaft gebracht. Der Italiener übermalt seine dunkle Lebensphilosophie mit einer noch dunkleren Zeitkritik; er beschwört die "vollständige" Vereinsamung des "liberalen Individuums" – und liefert die Erklärung, die genealogische Tiefenschau gleich mit. Für Agamben gehören die Exklusion des Lebendigen und die Zerstörung von Gemeinschaft zum Wesen des Abendlandes, dies ist sein Mastercode.

Eines allerdings ist kurios. Der wichtigste Zitierzeuge für die wilden Denker, gleichsam der Held ihrer Fußnoten, heißt Martin Heidegger. Aber warum? Warum ausgerechnet der Schwarzwälder Eremit, der 1933 den "Führer führen" wollte? Vielleicht liegt es daran, dass Heidegger der Radikalere von beiden und rechts wie links leichter "anschlussfähig" ist. Mit Heidegger im Rücken kann man eine neue Klassengesellschaft herbeifantasieren, einen Staat der Ungleichen, in dem die "Leistungsträger" keine Steuern zahlen und den "Abgehängten" ein paar Almosen vor die Füße rollen. Das ist das rechte Programm. Das linke Programm geht so: Man nehme Heideggers faszinierende Daseinsanalyse und beschreibe mit ihr das "In der Welt Sein" des modernen Subjekts.

Wenn man dann noch das Wort "Zivilisation" durch Kapitalismus ersetzt, dann klingt es frisch von heute: Kapitalismus ist der "Rückfall in das bloße Leben weltarmer Wesen, denen die Erde nur noch als das Ausnutzbare blieb". Kapitalismus ist das "unaufhörliche Und-so-weiter". Kapitalismus ist die "trostlose Raserei der entfesselten Technik und der bodenlosen Organisation des Normalmenschen". Hand aufs Herz – steckt darin nicht genau jenes suggestive Weltverdüsterungspathos, das dem Leser auch aus dem kommunistischen Manifest Der kommende Aufstand (Nautilus Verlag) entgegenweht?