Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, 1925 © Hulton Archive/Getty Images

Es gibt nicht leicht etwas, das so viel Hoffnung und Erwartung freisetzt wie das Stichwort Philosophie – Hoffnung auf Selbsterkenntnis und Sinn, Erlösung aus dem Wirrwarr des Alltags, Erwartung einer Richtschnur fürs Handeln, mit einem Wort: von Lebenshilfe. Und es gibt nicht leicht etwas, was bei der Begegnung so viel Enttäuschung bereitet – durch kaum lesbare Bücher, bizarre Gedankengänge, grobe Verstöße gegen den intuitiven Weltzugang, mit einem Wort: durch eine rapide Zunahme von Verwirrung und Desorientierung.

Und tatsächlich ist es leider so, dass sich die Philosophie seit alters zwar vorgenommen hat, die Dinge besser zu verstehen, nicht aber: sie einfacher zu verstehen. Philosophie, heißt es schon in der Antike, beginnt mit dem Staunen, und das meint vor allem, mit dem Staunen über Dinge, die alle anderen für selbstverständlich halten. Der Verstoß gegen den intuitiven Weltzugang ist deshalb keine Unart der Philosophen, sondern ihr Programm. Alle wünschen sich eine gute Politik, aber der Philosoph fragt zunächst: Was ist gut? Und: Was ist Politik? Und: Was ist das Gute im Zusammenhang mit der Politik? Im Zuge seines Nachdenkens könnte er durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass es keine gute Politik gebe oder dass das Gute immer unpolitisch sei oder dass eine gute Politik, wenn sie denkbar sei, doch nicht wünschenswert wäre. Vielleicht würde der Philosoph sogar den Leuten, die nach einer guten Politik rufen, unterstellen, in Wahrheit eine schlechte Politik zu wollen – nämlich nur eine solche, die ihre Interessen auf Kosten anderer befriedigt.

Das alles kann leicht passieren (und ist auch schon geschehen), wenn man Philosophen nach ihrem Urteil fragt. Ihre Antwort bringt den Gegenstand der Frage zum Verschwinden oder beleidigt den Fragesteller. Es kann auch sein, dass sie die Einheit des Gemeinten zerschlagen und etwa sagen, es gebe nicht die Politik, sondern nur mehrere Politiken, nicht das Gute, sondern nur unterschiedliche Vorstellungen davon. Um diese Differenzierungen, die dem Laien endgültig die Aussicht auf ein erlösendes Wort rauben, angemessen vorzuführen, werden die Philosophen womöglich eine Reihe neuer Wörter einführen, die entweder in der Alltagssprache des Laien gar nicht vorkommen oder, schlimmer noch, darin vorkommen, aber bei den Philosophen eine ganz neue, verzwickte Bedeutung annehmen.

Denn die Mühsal, die etwa die Lektüre Kants oder Hegels oder Heideggers bedeutet, beruht keineswegs darauf, dass diese Denker etwa nicht gut zu schreiben vermögen. Sie können sogar sehr gut schreiben, müssen aber redlicherweise den Eindruck vermeiden, dass sie die Alltagswörter, auf die sie ja größtenteils angewiesen sind, in dem Sinne verwenden, der ihnen im Alltag gegeben ist. Und erst recht können sie den Gedanken, mit denen sie den Selbstverständlichkeiten des Alltags widersprechen, nicht die Selbstverständlichkeit von Alltagssätzen geben. Erst wenn die Mühsal, die Philosophensätze zu verstehen, die Mühsal deutlich übersteigt, den Gedanken des Philosophen zu folgen, hat man Grund, sich über dessen Sprachstil zu empören. Alle übrige Mühsal ist notwendig und erwünscht. Sie gleicht der Mühsal beim Ersteigen einer Leiter, von der aus man weiter und Neues sieht.

Übrigens gibt es auch Philosophen, die sich nur wenig von der Alltagssprache entfernen. Sie sind noch schwerer zu verstehen. Der späte Schelling zum Beispiel oder der späte Wittgenstein halten sich an die Alltagssprache, um umgekehrt den Selbstverständlichkeiten der tradierten Philosophensprache zu entkommen. Sie meiden die Nähe von philosophischen Begriffen und seit alters damit verknüpften Gedanken, die sie für irrig halten – was aber nicht heißt, dass sie den Alltagsbedeutungen der Wörter folgen, sondern nur, dass sie ihnen einen neuen Sinn verleihen, der mitunter noch mühsamer zu erkennen ist.

 

Der späte Wittgenstein misstraut der alten Philosophensprache, weil er sie für ein Missverständnis von Sprache überhaupt hält – eine Formel wie die von der guten Politik wäre für ihn nicht weiter zu zerlegen, weil sie gerade nur in ihrer alltagssprachlichen Unschärfe zu verstehen ist – oder gar nicht. Wenn der Philosoph sich an den Alltagsbedeutungen von Wörtern zu schaffen macht, raubt er ihnen jeden Sinn und erzeugt nur Scheinprobleme. Und so scheint Wittgenstein in der Sprache seiner Philosophischen Untersuchungen als der zugänglichste der modernen Philosophen – was indes ein grober Irrtum ist. Tatsächlich beschäftigt er sich zum Beispiel mit dem uralten Leib-Seele-Problem – nur dass er dieses Etikett vermeidet. Verständlich werden seine Überlegungen dazu aber erst, wenn man weiß, dass er sich damit beschäftigt – und also auch würdigen kann, wie raffiniert er die alten Begriffe vermeidet.

Denn dies ist eine weitere Quelle für die Enttäuschung des Laien: dass die Philosophen sich immer schon auf vorangegangene Philosophie beziehen, dass sie Irrtümer korrigieren wollen oder umgekehrt etwas lange für irrig Gehaltenes wieder rehabilitieren. Alle Philosophie, auch die nicht an einer Universität geübte, ist in diesem Sinne akademische Philosophie, sie nährt sich nicht nur von Welt und Sprache , sondern ebenso von Büchern. Sie überspringt Jahrtausende im Flug, und wenn sie in der Anknüpfung an älteste Überlegungen grobe Missverständnisse vermeiden will, dann bedarf sie neben den philosophischen noch historischer Kenntnisse, die den zeitgenössischen Zusammenhang erläutern. Philosophie ist darum, mag es noch so enttäuschend sein, immer eine gelehrte Disziplin. Was manchen als Bücherstaub erscheint, ist ihre Nahrung.

Natürlich kommt es gelegentlich vor, dass ein Philosoph sein Ideengebäude noch einmal von Grund auf neu hochzieht. Spinoza scheint so angenehm und verständlich, weil er voraussetzungslos und ohne Bezug auf philosophisches Vorwissen Ziegel auf Ziegel setzt. Und doch wird man nicht verstehen, warum und wie und zu welchem Zweck er das macht, wenn man nicht weiß, welche Traditionen er dabei bewusst ignoriert und also für unbrauchbar erklärt – nämlich zum Beispiel das Leib-Seele-Problem.

Aber in der Philosophie, um den letzten Grund der Enttäuschung zu nennen, ist nie etwas erledigt. Auch das Leib-Seele-Problem kam im Gewand der modernen Sprachphilosophie wieder. Es gibt keine gesicherte Erkenntnis. Gesichert ist nur der Zweifel. Darum ist Philosophie keine Lebenshilfe – aber eine Denkschule.