Als Joschka Fischer 1985 in Jeans, Turnschuhen und ausgebeultem Blazer den Amtseid als hessischer Umweltminister leistete, war das ein großer Moment für die Politik – und vielleicht ein noch größerer für die Kleidungskultur. Da stand ein Politiker im Landtag, der keinen dieser brettharten Anzüge trug, die Männer aussehen lassen wie Möbelstücke. Da übernahm einer Verantwortung, ohne sich an Konventionen zu halten.

Die Alternativen trugen zu dieser Zeit groben Strick und Latzhosen, sie scherten sich nicht um Mode, ihnen kam es auf das Gewissen und die innere Haltung an. Mit dieser Antimode schufen sie und andere allerdings eine Stilvorlage, die noch 30 Jahre später gerne zitiert wird. So versieht Stella McCartney ihre Kleider mit Peace-Zeichen, Hipster schlurfen in Strickjacke und Wollmütze durch Berlin-Mitte und tragen den Jutebeutel wie eine It-Bag – ohne dass damit irgendeine Haltung ausgedrückt werden soll, außer natürlich einer enormen Lockerheit.

Nun ist die deutsche Protestkultur dieser Tage wieder voll entbrannt. Man demonstriert gegen Atomkraft und das Endlager in Gorleben, gegen Kürzungen bei der Bildung, gegen Stuttgart 21, gegen Internetsperrgesetze, für mehr Kindergärten oder gegen Kindergärten in der eigenen Nachbarschaft. Es sind entrüstete Zeiten.

Wer aber glaubt, die Renaissance des Bürgersinns ginge mit einer neuen Blüte der Protestkleidung einher, wird enttäuscht. Die Demonstranten von heute sehen genauso trist aus wie die, gegen die sie auf die Straße gehen. Keine Spur von eigensinnigem Rebellen-Schick – stattdessen Windjacken und Kapuzenpullover. Outdoorkleidung dominiert das Geschehen, überall ist Jack Wolfskin zu sehen und hellrote Goretex-Garderobe. Wer so etwas trägt, möchte lediglich nicht frieren.

Besonders bedauerlich ist der Bedeutungsverlust eines weiteren Protest-Kleidungsstücks, des Motto-T-Shirts. Seit den sechziger Jahren war es Träger von Botschaften. Ob bedruckt oder selbst bekritzelt, schuf es schnelle Identifikation. Heute existiert das Slogan-T-Shirt meist nur noch in einer zum Kalauer entstellten Form ("Bier formte diesen wunderschönen Körper"). Deshalb hat das ZEITmagazin 14 Designer gebeten, dieses Stilmittel wiederzubeleben und damit die neue deutsche Protestkultur schöner zu machen.

Schließlich gingen in der Vergangenheit neue politische Bewegungen stets mit neuen Outfits einher. Viele Kleidungsstücke gäbe es nicht, wären sie nicht einst aus Opposition gegen die Obrigkeit getragen worden. Das mittlerweile sehr verbreitete Palästinensertuch schlang man sich ursprünglich um den Hals, um sich mit der Intifada zu solidarisieren. Der inzwischen so beliebte Parka hatte seinen ersten zivilen Auftritt in der Friedensbewegung der siebziger Jahre.

Sogar die uns heute sehr geläufige lange Hose ist ein Kind der Revolution: Sie diente den bürgerlichen Revolutionären im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts als Abgrenzung gegen den Adel. Dieser trug nämlich die Kniebundhosen, die culottes. Dagegen opponierten die "Sansculotten" mit langen Hosen. Das Beinkleid setzte sich schnell durch – auch, weil man mit halblangen Hosen an der nächsten Straßenlaterne enden konnte.