In dem Haus mit der hellen Fassade gehen im Untergeschoss die Lichter an, hinter dem Küchenfenster erscheint Thilo Sarrazin. Er winkt kurz, bevor er den automatischen Türöffner drückt. Seine Frau sei noch auf einem Termin, sagt Sarrazin und bittet den Besuch, Platz zu nehmen. In blauen Filzpantoffeln dreht er eine Runde durchs Wohnzimmer, lässt an den Fenstern die Rollos herunter und zieht die Gardinen zu. Sarrazin macht dicht. Eine Vorsichtsmaßnahme, zu der ihm Beamte des Landeskriminalamtes nach der Veröffentlichung seines Buches Deutschland schafft sich ab geraten haben.

Eigentlich sollte es ein Treffen mit Ursula Sarrazin sein, "Deutschlands umstrittenster Lehrerin" wie die Bild- Zeitung sie nennt. Doch wer Ursula Sarrazin begegnet, begegnet zwangsläufig auch ihrem Mann. Sei es hier, in ihrem Haus, auf den Titelblättern oder in Interviews. Seit bekannt wurde, dass Eltern sich bei der Schulaufsicht über die Unterrichtsmethoden der Grundschullehrerin Ursula Sarrazin beschwert haben, findet eine öffentliche Auseinandersetzung statt, in der es immer auch um ihren Ehemann und sein Buch geht. Dafür hat Thilo Sarrazin mit seiner Aussage, seine Frau werde in Sippenhaft genommen, selbst gesorgt.

Ursula Sarrazin ist von ihrem Termin zurück, sie steckt den Kopf aus der Küche, den Telefonhörer am Ohr: "Thilo, wo ist denn mein Terminkalender?" Die Sarrazins arbeiten Hand in Hand, Thilo Sarrazin beantwortet schon mal Journalistenanfragen für seine Frau, wenn sie nicht kann.

Warum sucht Ursula Sarrazin so intensiv die Öffentlichkeit? "Das tue ich nicht, sondern ich habe mich nach einer Anfrage der Zeitschrift Focus nur gegen Vorwürfe gewehrt, die öffentlich erhoben wurden. Gegen Rufmord wehre ich mich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln." Das hat sie mittlerweile in zahlreichen Medien getan. Ursula Sarrazin sieht entspannt aus, wie sie da im Sessel lehnt. Vielleicht hat sie aus anderen Gesprächen dazugelernt. Ein Journalist schrieb, sie wisse nicht, wohin mit ihren Armen. Das wirkt fahrig, und so ruhen ihre Arme jetzt auf der Sessellehne.

Begonnen hat alles mit einem Brief, der am 5. Januar bei der Schulaufsicht einging. Darin schrieb ein Vater, Frau Sarrazin schreie die Schüler an und habe ein Kind als "armseliges Opfer" und "Schmarotzer" beschimpft. Seitdem häufen sich die Vorwürfe gegen Ursula Sarrazin, zum Teil geht es um Vorfälle, die bereits Jahre zurückliegen. Sie soll einem Schüler mit einer Blockflöte gehauen haben, einen japanischen Jungen "Suzuki" genannt haben, Beschwerdebriefe von Eltern aus den Jahren 2002 und 2009 tauchen auf. Und vor zehn Jahren ist Ursula Sarrazin von ihrer damaligen Schule versetzt worden.

Frau Sarrazin hat für alles eine Erklärung: "Die Vorwürfe sind entweder frei erfunden oder, völlig entstellend, aus dem Zusammenhang gerissen", sagt sie. Mit der Blockflöte habe sie nicht geschlagen, die sei viel zu schade für derartige Übergriffe, ließ sie die Öffentlichkeit wissen. Den japanischen Jungen habe sie versehentlich Suzuki genannt, sie habe die Klasse neu bekommen und seinen Namen falsch von der Liste abgelesen. Und von ihrer damaligen Schule habe sie sich freiwillig versetzen lassen. Tatsache ist zumindest, dass die Beschwerden aus der Vergangenheit "nach Prüfung keinen Anlass für dienstrechtliche Konsequenzen" gegeben haben, wie es bei der Senatsverwaltung für Bildung heißt.