ZEITmagazin: Herr Simons, wie war Ihr Eindruck, als Sie zuletzt Berlin besucht haben?

Raf Simons: Ich hatte das Gefühl, ich würde nach New York hineinfahren. Überall gab es neue Gebäude aus Glas, Beton und Stahl, die Stadt war hell beleuchtet – und sie sah sehr sauber aus. Leider kenne ich Berlin nicht so gut, wie ich gerne möchte. Dabei ist die Stadt seit meiner Teenagerzeit wichtig für mich.

ZEITmagazin: Wie kam das?

Simons: Damals, mit 14 Jahren, lebte ich in einem kleinen Ort nahe der deutsch-belgischen Grenze. Ich hatte das Buch über Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo , gelesen und war besessen von der Stadt. David Bowie und Brian Eno in einer Bar, der Müll auf den Straßen, besetzte Häuser drumherum – solche Bilder stellte ich mir vor.

ZEITmagazin: Wären Sie damals gerne Teil des Kreises um Christiane F. gewesen?

Simons: Überhaupt nicht. Wenn das Buch etwas für mein Leben geleistet hat, dann hat es meine Einstellung zu Drogen geformt – ich wollte nie welche nehmen. Doch natürlich wollte ich an denselben Orten feiern, ich grämte mich darüber, dass es nahe meiner belgischen Kleinstadt keine Diskothek wie The Sound gab. Berlin war aber nicht die erste deutsche Stadt, die ich besuchte. Als Kind fuhren wir oft über die Grenze nach Köln oder Aachen zum Einkaufen.

ZEITmagazin: Wie haben diese Ausflüge Ihr Deutschlandbild geprägt?

Simons: Ich mochte Deutschland und die Mentalität recht früh. Zum einen verstand ich die Sprache gut. Unser Dialekt klang ähnlich. Und wir sahen uns das Schlagerfestival im deutschen Fernsehen an, wir haben kaum französische Sender geschaut. So entstand eine natürliche Verbindung zu Deutschland. Letztlich mochte ich die Deutschen auch, weil die Belgier abschätzig über sie redeten. Genauso wie über Holländer übrigens. Man sagte, die Holländer seien zu laut und die Deutschen zu ernst. Da formte sich sofort eine Art Anti-Gen bei mir. Ich fand Deutsche immer wunderbar.

ZEITmagazin: Sie finden uns nicht zu ernsthaft?

Simons: Deutsche sind ernsthaft, aber das muss nicht schlecht sein. Wenn ich eine Person mit der Organisation eines Unternehmens beauftragen müsste, dann würde ich am liebsten einen Deutschen nehmen.

ZEITmagazin: Christopher Bailey, der Chef-Designer von Burberry, sagt, Deutsche verstünden es, schick auszusehen, ohne viel Aufsehen zu erregen.

Simons: Das trifft es, könnte aber auch für Nordeuropäer allgemein gelten. Und er berücksichtigt nicht die Unterschiede innerhalb des Landes.

ZEITmagazin: Aber Sie wüssten, dass man sich in Hamburg und Berlin unterschiedlich kleidet?

Simons: Auf jeden Fall ist man in Hamburg formeller. Und viel bürgerlicher. Die Männer tragen keine tief hängenden Jeans, vielleicht aber navyblaue oder beige Hosen, Hemden und Krawatten. In Hamburg ziehen alle dasselbe an, so will man zeigen, dass man zu einer Gruppe dazugehört. In Berlin will man mit einem ausgeklügelten Schmuddel-Look klarmachen, dass man eben nicht einer bestimmten Gruppe angehört.

ZEITmagazin: Modedesigner wie Bailey, Italo Zucchelli und Rick Owens schwärmen von Berlin, aber bisher hat nur der frühere Christian-Dior-Chef Hedi Slimane eine Kollektion der Stadt gewidmet.

Simons: Stimmt nicht ganz: Ich habe meine zweite Kollektion, Mitte der neunziger Jahre, Berlin gewidmet. Ich hatte zuvor schon die Firma, die ich gegründet hatte, um meine Mode zu produzieren, nach dem Freund von Christiane F. benannt: Detlef. Auf T-Shirts druckte ich Slogans wie "The Sound of Berlin". Als ich die Models von den Straßen Antwerpens castete, dachte ich an einen Berliner Techno-Club, an drogenabhängige Teenager und schmale Jungs. Aus Berlin konnte ich sie nun nicht holen, dafür hatte ich kein Geld. Hedi Slimane hat das 2003 getan. Er fragte mich einige Jahre zuvor, ob ich mit ihm mal nach Berlin fahren möchte. Er nahm oft den Nachtzug von Paris und wollte, dass ich in Antwerpen zusteige, aber ich habe immer abgesagt. Es fühlte sich für mich nicht richtig an.

ZEITmagazin: Sie kannten Berlin damals schon?

Simons: Mitte der neunziger Jahre verbrachte ich sechs Tage dort. Ich besuchte Freunde, nahm aber die Stadt um mich herum fast nicht wahr. Wir saßen viel in Wohnungen herum, hatten herrliche Abendessen, ich lernte Jörg Koch kennen, der heute das Mode- und Kunstmagazin 032c leitet. Mir kam es so vor, als würde die Stadt da draußen nicht existieren.

ZEITmagazin: Sie warten ein Leben lang darauf, in eine Stadt zu kommen – und dann sind Sie da und sehen nichts?

Simons: Gut, ich gebe es zu: Ich fand Berlin enttäuschend. Ich hatte die Bilder von Christiane F. im Kopf – und dann entpuppte sich die Stadt als so sauber!

ZEITmagazin: Im Sommer 2008 haben Sie noch mal drei Tage in Berlin verbracht.

Simons: Da hatte ich das Gefühl, die Stadt kommt gerade sehr in Mode. Besonders in der Kunst. Dafür interessiere ich mich sehr. Ich mag die Bilder von Tomma Abts.

ZEITmagazin: Die deutsche Künstlerin gewann 2006 den britischen Turner Prize und hatte zuvor in Berlin studiert.

Simons:
Und ich habe mir die Sammlung Boros angesehen. Ich finde sie großartig. Es gibt jetzt einen Kunstmarkt in der Stadt, den es in den neunziger Jahren nicht gegeben hat.