Das sieht nun wirklich mal nach Winter aus: Strickstiefel von D&G, gesehen bei Stylebob.com

Es war einmal sehr kalt. So kalt, dass man im hohen Norden einfach nur vor dem Kaminfeuer hocken bleiben wollte. Aber die Männer mussten auch bei klirrender Kälte raus auf die See, um den Fisch zu fangen, der ihre Familien ernähren sollte. Also strickten ihre Frauen ihnen dicke, warme Pullover, die so unzerstörbar waren, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben werden konnten. Die Kleidungsstücke sollten aber nicht nur robust sein, sondern auch schön.

Deswegen versahen die Frauen sie mit Motiven aus ihrer Umgebung – mit Schneeflocken zum Beispiel oder mit Rentieren. Oder mit Schneeflocken. Und Rentieren. Es gab nicht besonders viel Abwechslung da draußen. So entstand der Norwegerpulli, den gerade die immer gleichen Motive unverwechselbar machen. Der Pulli wurde gewissermaßen als wandelndes Strickmuster von Generation an Generation weitergegeben, fast jeder hat in seiner Kindheit schon einmal einen kratzigen Pulli mit Rentieren drauf von der Großmutter gestrickt bekommen.

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In diesem Winter ist das Norwegermuster allgegenwärtig: See by Chloé hat einen überdimensionierten Cardigan in Grautönen im Sortiment, auch Proenza Schouler, Marc Jacobs und Aubin & Wills interpretieren den Klassiker neu. Warum nur? Liegt es an unserer Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, nach Erdung und Naturnähe? Oder inspirieren die Minusgrade vor der Tür dazu, eine exzessive Winterlichkeit zu inszenieren? Ist am Ende gar die Faszination des Rentieres ursächlich, die auch ja Tausende Besucher in Carsten Höllers Ausstellung Soma im Hamburger Bahnhof in Berlin lockt, wo unter anderem zwölf lebende Rentiere friedlich herumlungern?

Vielleicht liegt es daran, dass Männer im Norwegerpullover immer tough und niedlich zugleich aussehen: wie Sturm und Wellen trotzende Recken und wie kleine Jungs. Der Norwegerpulli bringt uns ein Gefühl von kindlicher Geborgenheit und guter alter Zeit zurück. Als man Schnee noch mit Schlittenfahren und Schneeballschlachten assoziierte und nicht mit Bahn-Chaos.

Immerhin eines hat sich nach all den Jahren geändert: Die italienische Marke D&G ließ für die aktuelle Winterkollektion das Norwegermuster unter anderem auf Seide drucken. Nun kratzt es nicht mehr.