Neben Jago und Richard III. ist der Bastard Edmund der finsterste Schurke im Reich von William Shakespeare; King Lear ist aber auch eines seiner schwierigsten Stücke. Da verknäueln sich die ödipalen und erbrechtlichen Probleme, die Lear mit seinen drei Töchtern hat, mit den üblichen Themen des Barden: Machtgier, Neid, Verrat, Blutrunst, Staatsräson (auch hier schickt Frankreich wieder mal ein Heer).

Tolstoj hielt die Tragödie für "vernunftwidrig", der Shakespeare-Übersetzer Hans Rothe (1894 bis 1963) klagte, "dass man nicht mehr weiß, was man mit den auftretenden Personen anfangen soll". Das Stück war so trostlos – lauter Leichen, keine Erlösung –, dass es in der "Restauration" nach 1660, als die Macht wieder in einer Hand, der des zweiten Charles, vereint war, mit einem Happy End aufgehübscht wurde. Cordelia, die gute Tochter, wird nicht gehängt, sondern gekrönt. Mithin tut sich hier ein weites Feld für das Regietheater auf.

Das hat Georg Schmiedleitner im Hamburger Schauspielhaus weidlich beackert. Der Kommentar eines Premierengasts bringt es auf den Punkt: "Ich finde es amüsant." Amüsant mag man die Hamburger Version der Tragödie in der Tat nennen, mutiert sie doch auf weiten Strecken zum Slapstick. Da kippen sich die Akteure in der zentralen Sturm-Szene kübelweise Wasser ins Gesicht; dann rutschen sie dauernd auf der glitschigen Bühne aus. Ein Running Gag wie "Tür auf, Tür zu", wie im Komödienstadel.

Edgar der Rechtmäßige, der durch die Heimtücke seines illegitimen Halbbruders Edmund für vogelfrei erklärt worden ist, muss sich auf der Bühne ausziehen. Denn: Nackt muss sein im deutschen Theater, und zweitens checkt jetzt auch der letzte Zuschauer: Aha, so schutzlos ist der Mann. Der halb nackte Lear sieht Edgar mit dem Schuh vor dem Gemächt und parodiert ihn, indem er sich den eigenen Schuh in die Schiesser-Unterhose steckt. Das ist zwar gut für einen Lacher, erfordert aber wieder höheren semiotischen Feinsinn.

Beim Wasser-Ballett auf der Bühne kommen wir auch ins Grübeln. Vielleicht die Überschwemmung von Passau bis Australien? Die abschmelzenden Polkappen, die Sendboten der Klimakatastrophe, das kommende Nichts? Wieso wirkt Superschuft Edmund in Gewand und Gehabe wie ein frühpensionierter Sachbearbeiter? Vielleicht ist er gar nicht so böse, sondern nur Opfer des Kapitalismus, der die Älteren gnadenlos ausstößt?

Doch, Edmund ist richtig böse, wie alle Shakespeare-Strolche, und die Learsche Welt ist tatsächlich aus den Fugen, wie Hamlet ein paar Jahre früher deklamierte; davon zeugen schon die reißenden Wellpappe-Wände im ersten Bild, als der König die Cordelia verstößt. Im Lear kommt keine Katharsis zustande; es ist eine Tragödie, die deprimierender nicht sein kann.

Doch Slapstick, der mit Gebrüll und Gerangel alterniert, erhellt weder Kopf noch Seele. Tolstoj läge zumindest bei dieser Inszenierung nicht ganz falsch mit seiner berüchtigten Diatribe gegen Shakespeare. Dort beschuldigt er ihn mit Blick auf King Lear, die "Figuren zu zwingen, unnatürlich zu handeln, vor allem in einer Art zu reden, die weder zu ihnen noch zu sonst wem passt".