Wie leuchtend waren im Märchen die Wälder und Gebirge beschrieben, in denen sich Prinzen und Feen verirrten; wie fein waren die Bächlein und Brünnlein geschildert, an denen sich die Rehe labten. Daran erinnern wir uns heute noch, wir sehen es ja vor uns. Aber wir irren. Denn wenn man die Märchen der Kinderzeit als Erwachsener wiederliest, stellt man fest, dass von Erzählerseite kaum Aufwand betrieben wurde bei der Naturschilderung; das meiste taten wir selbst. Es genügte das Wort "Wald", und wir betraten unseren eigenen Wald, eine rauschende Kathedrale der Fantasie. Es genügte das "Bächlein", und wir sahen ein glitzerndes Rinnsal vor uns, das sich durch satte Wiesen wand. Wir hörten "Gold", und ein unermesslicher Schatz zeigte sich dem inneren Auge.

Der junge, viel gespielte Dramatiker Philipp Löhle , ein Held des neuen deutschen Schauspiels, hat jetzt ein Stück geschrieben, welches diesem Schema folgt. Löhle verbindet lauter schwere, duftende Signalbegriffe und hofft, dass wir Zuschauer ein Stück daraus machen. Die Begriffe lauten: "Gold", "Schwarzwald", "Drei Freunde".

Das Stück – supernova (wie gold entsteht) – handelt von drei Freunden, die im Schwarzwald Gold suchen; einer von ihnen findet (wahrscheinlich) auch welches, das ist der Anfang vom Unglück. Denn nun wird die Gruppe gesprengt. Es kommt ein junger Mann ins Spiel, der das Gerücht vom Goldfund an die Industrie weitergibt. Und es kommt eine böse Firma hinzu, welche das Gold im Tagebau ergattern will und dafür den Schwarzwald Baum für Baum ausreißt (und in Mecklenburg-Vorpommern wieder anpflanzt).

Löhle plante, so steht es im Programmheft, eine "Farce auf den ungezügelten Kapitalismus", bei der es am Ende egal ist, ob das Gold existiert oder nicht, Hauptsache, die Konzerne können graben und die Spekulanten haben was zu verkaufen. Das ist im Grunde auch Löhles Verfahren; er hat keine wirkliche Geschichte oder Handlung; ihm genügt das Signalwort "Gold", um zu behaupten, ein abendfüllendes Stück geschrieben zu haben.

Gold als Leerstelle: Darauf spielt der Untertitel an, wie gold entsteht . Eigentlich, suggeriert Löhle, ist Gold eine Weltwahnvorstellung, es "entsteht" in der Fantasie und glüht in den Legenden, es hält den Laden am Laufen und im Zustand des Irrsinns.

Gewaltige Zusammenhänge scheinen auf, welche beiläufig, im Gewand des Märchens, erzählt werden. Löhle, der mit seinem "kasualen" Tonfall jede Ambition leugnet, verrät den Kunstehrgeiz doch an allen Ecken und Enden – im vertrackten Bau des Stücks, im ordnungsgemäßen Wirrwarr der Chronologie, in der Fülle der Motive. Supernova ist ein krautiges, unproportioniertes Stück, und manche Motivstränge sind wie zufällig hineingewirkt. So gibt es eine lange Passage über den März-Revolutionär Friedrich Hecker. Warum? Weil Hecker in Mannheim zur Schule ging, der Stadt, in der Löhles Stück nun herauskam, und weil Löhle ihn spaßhaft als Golddieb entlarvt.