Was sich aus Nächstenliebe für einen Christenmenschen gehört, das lässt sich offenbar noch recht einfach sagen, und zwar umso allgemeiner, je ferner der Nächste sein Dasein fristet. Heftiger Streit aber tobt bisweilen in den Kirchen und zwischen den Kirchentümern, wenn es um die Aller-Nächstenliebe geht, also um ethische Kriterien für das enge Zusammenleben von Menschen einerlei oder beiderlei Geschlechts.

Da nimmt sich der Brief der acht evangelischen deutschen Altbischöfe noch recht harmlos aus – verglichen mit den Spaltungen, die der anglikanischen Teil-Weltkirche drohen im Dreieck zwischen Großbritannien, Amerika und Afrika. Während ein Teil der Anglikaner noch gegen Frauen im Pfarramt, jedenfalls im Bischofsamt wütet, wurde in den USA die erste anglikanische lesbische Bischöfin gewählt. Und gerade eben sind in England drei anglikanische Bischöfe zu römisch-katholischen Priestern geweiht worden und dürfen nun ihre Ehefrauen mitnehmen in eine Kirche, die weder Frauen zum Pfarramt zulassen will noch Ehen von Priestern.

Die Kernfrage ist auch für die Diskussion unter den deutschen Protestanten aber folgende: Wenn nach Jahrhunderten der lebenslang unauflöslichen Ehe, zumal in Pfarrhäusern, und der Ausschließung von Frauen auch vom evangelischen Pfarramt sowie der kategorischen Verpönung der Homosexualität in einer Übergangsfrist von nicht einmal einem halben Jahrhundert alles ganz anders sein (und möglich sein) soll – wie kann man dies rechtfertigen, da sich doch an den biblischen Fundamentaltexten kein Jota geändert hat?

Im Grunde ganz einfach: indem man Theologie treibt – und nicht bloß Anatomie. Es geht also darum, die ethischen Anforderungen nicht nur für das Leben im sozialen Umfeld auf den biblischen Kern zurückzuführen, sondern eben auch für die Aller-Nächstenliebe, also für jene in jedem Sinne intimen Beziehungen, in denen die Partner voneinander einerseits existenzielle Verlässlichkeit erwarten, in denen sie andererseits in einem sonst nicht gekanntem Maße voneinander verletzt werden können. Und eben diese ethischen Kriterien sind von der Anatomie unabhängig.

Die schwerste Sünde, ja geradezu die Todsünde im mitmenschlichen Umgang sieht das Neue Testament in seinem griechischen Text in der pleonexia, also, wie es das Wörterbuch erläutert, in der rücksichtslosen Selbstsucht und der selbstherrlichen Annahme, dass die anderen und die Dinge nur zum eigenen Nutzen existieren. Solche verfluchte Habgier in jeder denkbaren Dimension gibt es gewiss unter Menschen jeder geschlechtlichen Orientierung, sie ist sozusagen gender-neutral.

Anstatt sich also an anatomischen Differenzen aufzuhalten und bestimmte, wenn auch epochenlang tradierte Vorstellungen von traditionell geordneten Geschlechterbeziehungen als unmittelbaren Ausdruck der göttlichen Schöpfungsordnung auszugeben (schließlich galten ja auch mal die königliche Obrigkeit und die gesellschaftlichen Stände als Ausformung jener Schöpfungsordnung), sollten zumindest die protestantischen Kirchen ihren ethischen Blick allein auf das richten, was im Umgang zwischen Lebenspartnern einem ehrlichen Treueversprechen frommt, und zwar "in guten wie in schlechten Tagen", und folglich auch als nacheilende Solidaritätspflicht, wenn eine Beziehung schwerste Krisen beim besten Willen nicht mehr überstehen kann.

Für das Zusammenleben im Pfarrhaus bedeutet dies: Christenmenschen als Partner, die sich lebenslange Treue versprechen – willkommen. "Gschlamperte" Verhältnisse aber, straight oder gay – nimmermehr.

Robert Leicht war Chefredakteur der ZEIT und Mitglied in Rat und Synode der EKD. Er ist Ehrendoktor der Theologie an der Uni Münster.