DIEZEIT: Herr Schulz, werden die Redner bei Ihrem Abschied nur die Wahrheit sagen?

EkkehardSchulz: Sie kennen den Spruch: Es wird nirgendwo so viel gelogen wie auf Beerdigungen...

ZEIT: Um Gottes willen...

Schulz: ...und auf Verabschiedungen wird viel Lob verteilt. Möglicherweise auch ungerechtfertigtes Lob.

ZEIT: Was würden Sie gern hören?

Schulz: Die Wahrheit.

ZEIT: Und die wäre?

Schulz: Mein Saldo ist positiv. Überwiegend hatte ich Erfolge, und dazwischen gab es den ein oder anderen Misserfolg. Das lässt sich nicht leugnen.

ZEIT: Gab es einen Moment in Ihrer Karriere, in dem Sie die Wahrheit schwer ertragen konnten?

Schulz: Nein.

ZEIT: 2009 mussten Sie das größte Minus der Konzerngeschichte verantworten. Die neuen Stahlwerke in Brasilien und den USA wurden viel teurer als geplant. Die Wahrheit war: Ihre Strategie taugte nichts.

Schulz: Es war ein Katastrophenjahr. Aber die Katastrophe wurde im Wesentlichen nicht durch eigene Fehler und eigenes Versagen verursacht, sondern durch die Weltwirtschaftskrise. Wir haben dann ja auch vergleichsweise schnell Lösungen gefunden .

ZEIT: Wie müssen wir uns Ihre erste Reaktion vorstellen? Die Verschuldung des Konzerns steigt um 1,7 Milliarden Euro – und Sie nehmen das hin?

Schulz: Emotionen helfen in so einer Situation jedenfalls gar nichts.

ZEIT: Sie erzählen das jetzt mit der Gelassenheit des Managers, der eine glänzende Schlussbilanz vorlegen kann. Aber vor zwei Jahren war das anders. Das war Überlebenskampf.

Schulz: Es war nicht mein erster. Ich habe 39 Jahre lang in der Stahlindustrie gearbeitet, das war eine einzige Berg- und Talfahrt. Immer wieder Krisen. Immer wieder Hoffnung. Denken Sie nur an die Jahre von 1992 bis 1995. Da war die Stahlbranche weltweit fast am Ende. Wir mussten bei Thyssen Stahl in drei Jahren 25.000 Jobs abbauen , sonst wären wir weg gewesen. 25.000 Jobs, das war fast die Hälfte der Belegschaft! Damals kamen meine Kinder weinend aus der Schule und sagten: Wir werden von unseren Klassenkameraden beschuldigt: Dein Vater nimmt meinem Vater die Arbeit weg! Und sie fragten mich: Was bist du nur für ein Mensch?

ZEIT: Was sind Sie für ein Mensch?

Schulz: Ich glaube, dass ich sehr diszipliniert und pflichtbewusst bin. Und ich war mein Leben lang unabhängig. Ich habe mal einen schönen Satz gelesen, er stammt von Perikles: "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." Das trifft es ganz gut.