Mein Traum beginnt vor vier Milliarden Jahren, als alles noch Urschlamm ist. Blitze schlagen auf der Erde ein, und etwas wird erschaffen. Das Leben ist entstanden. Da sind plötzlich Amöben und Bakterien, unsere Vorfahren. Die Bakterien mutieren zu Fischen. Für die Fische läuft alles gut, Madame und Monsieur Fisch lieben sich, ihre Eier werden von der Strömung davongetragen, manche gehen kaputt, aber das ist nicht schlimm, Madame Fisch kriegt das nicht richtig mit.

Eines Tages werden aus den Fischen Frösche, und mit ihren Füßchen klettern sie ans Ufer, um sich dort miteinander zu amüsieren. Die Eier werden jetzt nicht mehr davongetragen, und Madame Frosch findet das großartig. Wie schön diese Eier sind, denkt sie, wie außerordentlich! Aber sie sehen auch zerbrechlich aus. Also sagt sie zu ihrem Mann: Hör mal, wir müssen diese Eier beschützen. Aber er hat seine eigenen Vorstellungen, was mit diesen Eiern passieren soll, und da alle Männer Lügner sind und er überhaupt nicht sieht, dass seine Frau soeben die schönste Sache der Welt erfunden hat, nämlich die Liebe, die mit der Liebe einer Mutter zu ihren Kindern beginnt, sagt er: Ja, ja, wir werden die Eier beschützen, und zwar indem wir sie besser machen, widerstandsfähig. Wir machen ein Super-Ei! So leben die beiden vor sich hin, sie glaubt, dass ihr Mann die Eier und Kinder so sehr liebt wie sie, und er hat seine Vision von Fortschritt, von Zivilisation.

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Während Madame Frosch in ihrer Höhle bleibt, geht er hinaus in die Welt und sieht dort wilde Tiere, Dinosaurier. Er hat Angst, auch weil sein Hirn noch nicht so entwickelt ist. Er öffnet eine kleine Schublade seines Bewusstseins und tut hinein, was ihm Angst macht, dann schließt er sie wieder. Dieser Schublade, die bald eine seltsame Macht über ihn hat, gibt er den Namen Gott. Um diesem Gott zu dienen, denkt er, müsse er ein besserer Frosch werden.

Milliarden Jahre später gibt es die Idee des Fortschritts immer noch. Es ist eine ausgezeichnete, romantische Idee, weil sie einfach zu verstehen ist. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Unser Leben auf der Erde hat vor vier Milliarden Jahren begonnen und wird in vier Milliarden Jahren enden. Wir sind heute genau in der Mitte. Die Sonne und die Erde werden explodieren, und dann wird es nichts mehr geben. Das Witzige ist, dass das Bakterium damals nicht wusste, wer wir sein würden, und wir heute nicht wissen, was in vier Milliarden Jahren sein wird. Vielleicht werden wir nur noch ein Duft sein, eine Farbe, eine mathematische Formel. Bis dahin arbeiten wir – um besser zu werden, um unsere Kinder zu schützen, um zu sein wie Gott oder besser als er.

Mein Traum ist die große Geschichte der Transformation, an der ich teilhaben kann, die große Party, zu der ich eingeladen bin.

Aufgezeichnet von Elisabeth Raether