Die erste Phase der tunesischen Revolution ist Geschichte. Der Diktator und seine kleptokratische Familie sind außer Landes , die Armee hat die paramilitärische Präsidentengarde in blutigen Kämpfen auf dem Palastgelände von Carthage besiegt.

Ein neuer Machtkampf hat begonnen.

Die Volksbewegung , erstens, will die Früchte ihres teuer erkauften Sieges ernten. Sie sehnt sich nach Demokratie . Und will das drückende System der Schutz- und Schmiergelder endgültig loswerden, aus dem die 1,5 Millionen Mitglieder zählende Ben-Ali-Partei RCD ihre Macht sog. In den Augen der meisten Tunesier trägt dieses mafiose Bereicherungssystem die Hauptschuld an der Misere der Mittelschicht und daran, dass die Mehrzahl der jungen Leute keine berufliche Perspektive sieht.

Zweitens will sich die von Ben Ali im Land zurückgelassene herrschende Klasse von Staat und Wirtschaft nicht durch Wahlen und Reformen um ihre Pfründen bringen lassen. Und drittens gibt es, wie in jeder Revolution, die Konterrevolutionäre : Wildentschlossene aus dem Repressionsapparat, etliche Zehntausend an der Zahl, die brandschatzend durchs Land ziehen – sei es, um die Übergangszeit für Plünderungen zu nutzen oder um sich zu rächen, vielleicht auch, wer weiß, damit aus dem Chaos ein starker Mann hervorgeht. Womöglich derselbe wie zuvor. Sie haben genug Geld, Wut und Waffen, um Niederlagen durchzustehen. Ihr blutiges Spiel ist noch nicht vorbei.

Bis Anfang dieser Woche überfielen sie in vielen Regionen des Landes nächtens die Wohnviertel, plünderten, vergewaltigten und mordeten. Tagsüber rasten sie mit Geländewagen heran und eröffneten das Feuer auf alles, was sich bewegte. In der Innenstadt von Tunis trauten sich ihre Heckenschützen bis in die Nähe des Innenministeriums und schossen auf Fotografen, Polizisten, ja sogar auf das Militär. Sie brachen Gefängnisse auf, sodass Hunderte Gewalttäter wieder frei herumlaufen. Die Polizei, vielmehr das, was von ihr übrig geblieben ist, zeigt sich den Marodeuren nicht gewachsen. Als sie am Sonntag das Polizeihauptquartier mitten in Tunis attackierten, zogen einige Beamte vor Schreck ihre Polizeiwesten aus.

Wer hilft? Das Militär. Nur rund 40.000 Mann stark, ist es doch gut ausgebildet und durch Einsätze im Kosovo, Kongo und in Äthiopien mit Konflikten vertraut. Es hat noch nie politische Ambitionen gehabt, und an innerer Repression war es nicht beteiligt. Sein unpolitischer Professionalismus ist dieser Tage hochwillkommen. Wo es auftritt, stabilisiert sich die Lage schnell. Seine Schützen- und Kampfpanzer wirken beruhigend auf die Bürger. In La Marsa, einer Kleinstadt nordöstlich von Tunis, stehen die Kettenfahrzeuge an allen größeren Kreuzungen; die Bürger reichen den Soldaten Blumen und Kaffee. Nachts kommen Hubschrauber: Dann werden die Anwohner gebeten, alle Lichter anzuschalten, damit die Soldaten besser sehen können; sie bekämpfen die Milizen aus der Luft.

Nur leider kann die Armee nicht überall sein, nicht in der ausgedehnten Hauptstadt und schon gar nicht in der Provinz. Doch siehe da: Die Bürger, die in Tunesien noch nie mit derartigen Schrecknissen konfrontiert waren, sie organisieren jetzt allüberall im Land ihre Verteidigung selbst. In den Seitenstraßen stehen Barrikaden, teils recht improvisiert, teils erstaunlich professionell konstruiert. In El Ouardia zum Beispiel, einem Mittelklasseviertel im Süden der Hauptstadt, schiebt Kamel Jouini Wache, im Zivilberuf ist er ein hoher EDV-Manager bei der Post. "Wir teilen die Männer zu Schichten ein", sagt er, "und die Frauen schmieren die ganze Nacht durch Brote und kochen Kaffee." Die Bewaffnung ist notdürftig: Holzlatten, Spazierstöcke, Golfschläger, Äxte, hin und wieder ein Jagdgewehr. "Tunesien war eben bisher kein Land der Waffen", meint Jouini.