Politische Gewalt ist in den Vereinigten Staaten kaum etwas Neues. Präsident John F. Kennedy, sein Bruder Robert Kennedy und der Bürgerrechtsheld Martin Luther King fielen Attentaten zum Opfer, Präsident Reagan wurde angeschossen. Doch etwas an der letzten Schreckenstat, bei der am 9. Januar ein Amokschütze in Tucson sechs Menschen tötete und der demokratischen Kongressabgeordneten Gabrielle Giffords in den Kopf schoss, scheint anders. In den vergangenen Jahren, besonders seit der Wahl von Präsident Obama im Jahr 2008, ist der Tenor der politischen Rhetorik in Amerika immer gehässiger geworden, die Zwischentöne wurden gewalttätiger. Zu Recht oder zu Unrecht galten die früheren politischen Attentate als Taten isolierter, womöglich verrückter Außenseiter. Die Tragödie von Tucson jedoch haben Kommentatoren quer durchs politische Spektrum als eine hausgemachte verstanden – als Folge der bösartigen Krankheit, in die sich die Politik in Amerika verwandelt hat.

Obamas bewundernswerte, große Rede über das Massaker war eine magische Mischung aus jener Wortgewandtheit und glasklaren Vernunft, die unter den heutigen Politikern nur ihm gegeben scheint. Er forderte uns auf, in der politischen Auseinandersetzung zu Höflichkeit und Anstand zurückzukehren – und unsere politischen Debatten wieder als Meinungsunterschiede darüber zu behandeln, was unsere gemeinsamen Werte erfordern, statt als epische Konfrontation von Gut und Böse. Wir können nur hoffen, dass unsere Nation sich dieser großmütigen Zielsetzung gewachsen zeigt. Das erscheint heute allerdings nicht sehr wahrscheinlich.

Eine angemessene Reaktion würde mit vernünftigen Gesetzen beginnen, die Waffen von Leuten wie dem Tucson-Mörder fernhielten. Aber nicht einmal eine Woche nach dem Attentat haben die Befürworter schärferer Waffengesetze jede Hoffnung aufgegeben, dass die Tragödie zu einer solchen Reform führen wird. Der Schusswaffenkult und die Lobbymacht der National Rifle Association machen eine ernsthafte Reform unmöglich, und ohnehin haben die fünf ultrakonservativen Richter am Supreme Court den Amerikanern ein verfassungsmäßiges Recht auf Schusswaffen zugesprochen.

Es wäre hilfreich, wenn die Eiferer in den Talkshows und Politsendungen auf beiden Seiten einsähen, dass sie zu schrill geworden sind. Sie sollten geloben, dass jeder von ihnen seinen Teil dazu beiträgt, zu einem ruhigeren Diskurs zurückzufinden. Aber Sarah Palin, das Postergirl des politischen Extremismus in Amerika, hat bereits bestritten, dass in ihrer aufhetzerischen Form von Politik irgendein Gewaltpotenzial steckt. In einer bemerkenswert unpassenden Formulierung sagte Palin, es sei eine "Blutanklage" gegenüber den Konservativen, wenn nun die extreme politische Rhetorik der Rechten für die politische Gewalt im Lande verantwortlich gemacht werde; vergleichbar sei das nur mit der uralten Beschuldigung, dass Juden christliche Säuglinge essen. Dazu muss man wissen: Gabrielle Giffords ist Jüdin.

Doch Palin und die anderen Kampfhunde aus Radio und Kabelfernsehen, die die Demokraten stündlich als Verräter verunglimpfen, sind nicht die eigentliche Ursache des Missstands. Sie sind nur Symptome. Sie fänden nicht ein so großes Publikum – und ihre niederträchtige Rhetorik wäre nicht so einträglich –, wenn die politische Kultur Amerikas nicht bereits verdorben wäre. Warum bringt eine so stabile Demokratie, die seit anderthalb Jahrhunderten keinen ernsthaften organisierten Aufstand erlebt hat, eine so blutrünstige Politik hervor?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer besteht traurigerweise im Rassismus. Obamas Wahl zum Präsidenten hatten viele Amerikaner als endgültige Niederlage des systematischen Rassismus in ihrem Land gefeiert. Doch tatsächlich bot sie ein neues und gesellschaftlich akzeptableres Medium, einen Rassismus zum Ausdruck zu bringen, der nach wie vor tief und, wie jeder Rassismus, bedrohlich ist. Rassisten können Obama auf vielfältige Weise für unamerikanisch befinden, ohne seine schwarze Hautfarbe erwähnen zu müssen: Sie sagen, dass er insgeheim ein Muslim und ein gebürtiger Ausländer sei und vor allem dass er "ausländische" Ideologien wie den "Sozialismus" an seinem Busen nähre. Unter diesen rhetorischen Verkleidungen bleibt der Rassismus eine mächtige Kraft in unserer Politik.

Auch die Religion ist nach wie vor ein wichtiger Faktor. Die fundamentalistische Politik hat die Kirchen erobert; Televangelisten dominieren die populären Radio- und Kabelsender unangefochten. Wenn Menschen wählen, wie Gott es ihnen ihrer Meinung nach gebietet, statt aufgrund eines unabhängigen politischen Urteils, dann ist die Dämonisierung des politischen Gegners unausweichlich. Rush Limbaugh, der prominenteste rechte Radiomoderator, mutmaßte, Gott habe dafür gesorgt, dass der Vulkan Eyjafjallajökull ausbricht, Aschewolken speit und den europäischen Flugverkehr lahmlegt, um seine Verärgerung über Obamas Gesundheitsreform zum Ausdruck zu bringen. Er geht offenbar davon aus, dass irgendjemand in seinem riesigen Publikum so etwas plausibel findet. Eine solche Form von Religion ist, wie der Rassismus, mit Gewalt getränkt.