Der spektakulärste Fall, in dem ein deutsches Unternehmen einen Ex-Vorstand wegen angeblicher Versäumnisse zur Kasse bat , ist der von Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Er zahlte im Nachgang zum großen Korruptionsskandal "freiwillig" fünf Millionen Euro an seinen Ex-Arbeitgeber. Freilich ohne Schuldeingeständnis, wie er gerade wieder bei der Vorstellung seiner Biografie betonte.

Ginge es nach den Anwälten von MAN, könnten derartige Schadensersatzzahlungen neue Dimensionen erreichen. Die Münchner Lkw- und Maschinenbauer wollen offenbar eine Reihe ehemaliger Vorstände kräftig zur Kasse bitten – unter ihnen den ehemaligen Vorstandschef Håkan Samuelsson, Ex-Finanzvorstand Karlheinz Hornung und Ex-Nutzfahrzeuge-Chef Anton Weinmann. Alle drei waren Ende 2009 bei MAN ausgeschieden. 237 Millionen Euro würden von der Anwaltssozietät WilmerHale im Auftrag von MAN in einem "Memorandum" vom Juli vergangenen Jahres gegenüber seinem Mandanten geltend gemacht, bestätigt Samuelsson-Anwalt Wolf-Dieter von Gronau. Und auch von Ex-Finanzchef Hornung werde "ein dreistelliger Millionenbetrag" gefordert, sagt dessen Anwalt Walther Graf. Den Ex-Vorständen werde vorgeworfen, ihren Kontrollpflichten als Vorstand bei MAN nicht ausreichend nachgekommen zu sein.

Die vom MAN-Aufsichtsrat beauftragte Anwaltssozietät WilmerHale beruft sich hierzu auf ihre "Schweigepflicht". Vorstand und Aufsichtsrat des Münchner Konzerns bestätigen immerhin: "Soweit es Schadensersatzforderungen gegen ehemalige Vorstände gibt, wird das Unternehmen diese auch umfassend geltend machen." WilmerHale war – neben anderen – schon mit der aufwendigen internen Aufarbeitung des Schmiergeldskandals bei MAN befasst. Geholt hatte die Sozietät noch der damalige Vorstandschef Samuelsson.

Der Skandal, um dessen Nacharbeiten es geht, weist weitgehende Parallelen mit den Vorgängen bei Siemens auf: Bei beiden Konzernen wurden Aufträge mithilfe von Schmiergeld auch entgegen internen Richtlinien an Land gezogen. Allerdings sind die Schadensdimensionen völlig unterschiedlich: rund 2,5 Milliarden Euro im Fall Siemens, bei MAN kommt man – wie es im Detail im 30-seitigen Memorandum aufgelistet wird – auf knapp ein Zehntel dieser Summe. Der größte Brocken sind Bußgelder in Höhe von 150,6 Millionen Euro, hinzu kommen rund 20 Millionen Euro Steuernachzahlungen, die Aufklärungskosten von 30 Millionen Euro und die geflossenen Schmiergelder. Von den 150,6 Millionen Euro Bußgeldern sind nur 600.000 Euro Strafe, der große Rest ist als Abschöpfung von Gewinnen aus korrupten Geschäften deklariert. Hornung-Anwalt Graf findet es ziemlich abstrus von der Gegenseite, diese abgeschöpften Gewinne jetzt wieder von den Ex-Managern zurück zu wollen.

Aufsichtsratschef der MAN SE ist VW-Patriarch Ferdinand Piëch. Der 74-Jährige hat reichlich Erfahrung in Sachen Affärenbewältigung. Zuletzt mit der sogenannten Lustreisen-Affäre bei VW. In deren Folge wurde etwa der – von Piëch hoch geschätzte – Personalvorstand Peter Hartz zu einer Geld- und Bewährungsstrafe verurteilt. Den angerichteten Schaden bei VW – 4,5 Millionen Euro – zahlte damals die für Hartz abgeschlossene Directors and Officers Liability Insurance (D&O), eine Art Manager-Haftpflicht.

Eine solche D&O-Versicherung gibt es auch für die ehemaligen MAN-Vorstände. Ihr maximaler Eigenanteil im Schadensfall läge bei bis zu 100.000 Euro, heißt es aus ihren Umfeld. Die Anwälte von Samuelsson und Hartung wundern sich sehr, dass die Münchner bislang keine Einigung mit den Versicherern gesucht hätten, so wie es nach ihrer Kenntnis üblich sei. "Wir stimmen jeden Schritt mit den Versicherern ab", sagt Gronau. Im Übrigen habe man "die im Memorandum erhobenen Vorwürfe gründlich geprüft" und die Forderungen "sowohl dem Grunde als auch der Höhe nach für unberechtigt befunden". Dies habe man WilmerHale bereits im Oktober mitgeteilt. Ähnlich äußert sich auch Hornung-Anwalt Graf. Beide Manager-Anwälte geben sich "gelassen", was den weiteren Fortgang anbetrifft. Graf orakelt, das Ganze werde wohl eher bescheiden enden, nach dem Sprichwort: "Der Berg kreißte und gebar ein Maus..."