In den Buchläden ist das Zeitalter der Güte schon angebrochen. Populäre Bücher erklären Warum wir kooperieren , bringen uns Die Kunst, kein Egoist zu sein , nahe oder belehren über den Sinn des Gebens . Der Mensch sei von Grund auf gut, so die Autoren unisono, Kooperation schlägt Konkurrenz.

Leider ist in diesem Zusammenhang selten die Rede von der hässlichen Rückseite der Nächstenliebe. Von der profitiert nämlich meist nur die eigene Gemeinschaft. Außenstehende müssen als Feindbilder herhalten: Je stärker die Ablehnung von Andersdenkenden oder -aussehenden ist, desto stärker wird der Gruppenzusammenhalt.

Was wäre etwa die SPD ohne den Schrecken Schwarz-Gelb (und die Union ohne die Angst vor Rot-Rot)? Was schweißt eine Religionsgemeinschaft stärker zusammen als der Kampf gegen Anders- oder Ungläubige? Und wie ließen sich Soldaten, Fußballer oder Demonstranten besser motivieren als über den Appell an das Wirgefühl, das es gegen "die da oben"/"da unten"/"da drüben" zu verteidigen gilt?

Symptomatisch war die Haltung von US-Pastoren, die in den siebziger Jahren zum Vietnamkrieg befragt wurden. 85 Prozent sagten zwar, Krieg sei gegen den Willen Gottes; für ein Ende der Kämpfe plädierten aber nur wenige. Die meisten argumentierten, mit den vietnamesischen Atheisten könne man nicht "auf christliche Weise" umgehen, sondern müsse mit ihnen in "ihrer eigenen Sprache" sprechen.

Wie universell Freund- und Feindschaft gekoppelt sind, belegt auch die Hormonforschung. Die hat in den vergangenen Jahren das Oxytocin zum "Kuschel-Hormon" stilisiert: innige Bindung zwischen Mutter und Kind, Liebe zwischen Paaren, ja selbst Vertrauen zwischen Geschäftspartnern – all das wird durch Oxytocin gefördert, so zeigten es die Experimente. Das Hormon aus dem Hypothalamus schien der rechte Grundstoff für die Empathische Zivilisation , die mancher Visionär schon keimen sah.

Nun zeigt sich jedoch: Die Kuschelwirkung des Oxytocins wird teuer erkauft. Es verstärkt nämlich zugleich die Ablehnung alles Fremden. Als der niederländische Psychologe Carsten de Dreu seinen Probanden Oxytocin verabreichte , beurteilten diese etwa arabisch klingende Vornamen deutlich negativer als Versuchspersonen ohne Kuschelhormon. Mussten die Testpersonen angeben, wen sie in einer bedrohlichen Situation eher retten (und wen opfern) würden, ließen die unter Oxytocin Stehenden häufiger Außenstehende zugunsten der eigenen Gruppe über die Klinge springen.

Eine bittere Pille für uns harmoniesüchtige Gutmenschen! Belegen doch de Dreus Versuche, wie leicht sich das Freund-Feind-Denken schon auf der hormonellen Ebene aktivieren lässt und dass es dazu gar keiner ausgefeilten politischen oder religiösen Beeinflussung bedarf. Das Projekt Weltfrieden erscheint im Lichte solcher Ergebnisse vorerst als fromme Illusion: Damit die Menschheit endlich ein gemeinsames Wirgefühl entwickelt, reicht der Appell an die Nächstenliebe wohl nicht aus; damit wir auf unserem Planeten als Ganzes zusammenrücken, brauchen wir erst einen möglichst verhassten, gemeinsamen Gegner. Möchte vielleicht irgendjemand diese Rolle übernehmen? Er möge sich bitte melden. Er täte uns allen einen Riesengefallen.