Einen solchen Aufstieg hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Im Horizont des nicht einmal 40-jährigen Karl-Theodor zu Guttenberg liegt schon heute das Kanzleramt . Alles, was darunter bliebe, erfolgreicher Verteidigungsminister, bayerischer Ministerpräsident oder erster Außenminister aus den Reihen der CSU, wäre irgendwie eine Enttäuschung. Gebannt beobachtet die deutsche Öffentlichkeit – und allein das ist heutzutage ja schon etwas Außergewöhnliches – den Werdegang eines politischen Hoffnungsträgers. Doch weil sich diese Karriere so unerwartet und spektakulär entwickelt, hat sie zugleich etwas Unwirkliches. Guttenberg, das ist auch ein Experiment gegen die Gesetze der politischen Schwerkraft.

Gerade deshalb wirken die Situationen, in denen er in Schwierigkeiten gerät, wie grelle Momente politischer Normalität. Plötzlich, in der Krisenbewältigung, gelten auch für den jugendlichen Star die überkommenen Regeln des politischen Geschäfts. Er muss auf unerwartete Herausforderungen reagieren, seine Entscheidungen begründen, er macht Fehler und muss sich verteidigen : wie ein normaler Politiker, doch ohne noch ein normaler Politiker zu sein. Denn immer schwingt da schon die Frage mit, ob einer, der so schnell wie er gestiegen ist, womöglich auch so schnell fallen kann.

Guttenberg betreibt Krisenbewältigung in schwindelnder Höhe. Dabei sieht er derzeit nicht ganz so gut aus. Wie in seiner letzten Krise um die Aufarbeitung des Raketenangriffs auf den Tanklaster bei Kundus findet der Verteidigungsminister auch jetzt wieder andere, die Verantwortung übernehmen müssen. Ein Muster wird sichtbar .

Es gibt neben der Bundeskanzlerin keinen aktuellen deutschen Politiker, um dessen Deutung so viel Aufhebens gemacht wird. Während eine schwindende Zahl von Skeptikern darauf verweist, dass der Nachwuchspolitiker mit dem heldenhaften Nimbus bislang noch wenig erreicht hat, nehmen seine Fans allein schon die Erwartungen, die er weckt, als Ausweis seiner herausragenden Fähigkeiten. Dass ein Politiker heute überhaupt noch die Fantasie der Menschen anregt, wirkt ja an sich schon wie ein Paradox. So ist Guttenbergs spektakulärer Aufstieg auch ein Reflex auf die Frustration, die die Politik in ihrem Normalvollzug bei vielen Menschen auslöst. Darin liegt eine Qualität, zumindest ein enormes Potenzial.

Man schmälert es nicht, wenn man auf die eklatante Spannung verweist, die sich zwischen Guttenberg als Projektionsfläche und Guttenberg als handelndem Politiker auftut, zwischen den überbordenden Erwartungen auf der einen und den tatsächlichen Leistungen auf der anderen Seite. Während der Mann bereits für allerhöchste Ämter gehandelt wird, hat er im Verteidigungsministerium noch fast alles vor sich.

In der Kluft zwischen öffentlicher Bewunderung und politischer Bilanz liegt für Guttenberg die Gefahr. Wie soll er die Projektionen mit seinen realen Möglichkeiten je zur Deckung bringen? Bislang versucht er – mit demonstrativer Unterstützung des Boulevards –, die Differenz zwischen Schein und Sein durch Inszenierung und Imagebildung zu überspielen. Auf die fast schon irrealen Hoffnungen, die sich an seine Person knüpfen, antwortet er mit Selbststilisierung.

Seit seinem Fototermin auf dem Times Square in New York ist diese Verlockung virulent – seit also klar ist, wie ideal sich Guttenberg-Fotos und Filmsequenzen in die Vermarktungslogik eines Politstars einpassen. Und es sind nicht die glänzenden Bilder allein. Die Inszenierung reicht vom folgenlosen Nein zur Opel-Subvention über seine Wahlkampfauftritte als Antipolitiker bis hin zu den jüngsten Gesten demonstrativer Entschiedenheit in der Gorch Fock- Affäre . Doch selbst mit markigen Posen kann der Minister die Widersprüche seines Krisenmanagements nicht verdecken. Gerade noch schützt er mit rhetorischer Verve Untergebene vor öffentlicher Vorverurteilung, schon opfert er sie wenige Stunden später.