Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen veröffentlicht die ZEIT eine schier unglaubliche Geschichte über kriminelle Jugendliche. Anfang Dezember schilderte Susanne Leinemann einen Raubüberfall, der wie ein Albtraum ist: Die Kollegin war auf dem Nachhauseweg in einem gutbürgerlichen Viertel Berlins fast totgeschlagen worden ; die beiden Haupttäter waren 16 und 17 Jahre alt und kamen aus Brandenburg. In dieser Ausgabe beschreibt Sabine Rückert im ZEITmagazin ein Verbrechen, das im Mai vergangenen Jahres Entsetzen auslöste. Der 16-jährige Elias, ein Deutscher afghanisch-serbischer Herkunft, hatte aus einer Laune heraus einen friedlich in einer U-Bahn-Station der Hamburger Innenstadt sitzenden jungen Mann mit einem Messerstich getötet .

Was beide Fälle verbindet, ist neben ihrer Brutalität die Ohnmacht oder Sorglosigkeit (oder beides zusammen), mit der die zuständige Armada von Psychologen, Sozialarbeitern und Vertretern aus Jugend- und Justizbehörden den Weg der Jungen in die Schwerkriminalität begleitete.

Die jungen Männer aus Brandenburg galten schon vor dem Raubüberfall als brandgefährlich, kein Kinder- und Jugendheim wollte sie mehr aufnehmen. In Berlin wurden sie einem Wohnheim ohne Betreuung zugeteilt. Sie sollten durch das Gefühl von "Einsamkeit und Langeweile" ihre eigene "Strukturlosigkeit" spüren; sie folterten dort eine Mitbewohnerin so lange, bis sie lebensgefährlich verletzt war. Der Hamburger Elias hatte schon 20 zum Teil schwere Straftaten auf dem Kerbholz, aber nur eine einzige hatte eine kleine Konsequenz – einen lächerlichen Arbeitseinsatz. Nach der Bluttat in der U-Bahn erklärte er einem Sachverständigen, er habe sich zur eigenen Disziplinierung regelrecht gewünscht, einmal eingesperrt worden zu sein.

Einer auf Sicherheit bedachten Gesellschaft ist nur schwer zu vermitteln, dass es keinen umfassenden Schutz vor Verbrechen geben kann. Auch ist das Prinzip natürlich richtig, dass bei jugendlichen Straftätern der Erziehungsgedanke wichtiger ist als die Strafe, die ein letztes Mittel sein soll. Die in der ZEIT dokumentierten Fälle belegen aber eine Praxis, die man nur als Ermunterung zum Verbrechen bewerten kann.

Die kriminelle Karriere des Hamburger Intensivtäters begann schon im Alter von zehn Jahren. Damals schlug er grundlos einen Gleichaltrigen so brutal, dass der mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Als 15-Jähriger brach er einem Erzieher, der in der Schule einen Streit schlichten wollte, den Unterkiefer. Warum er in all den Jahren nicht aus der Obhut der verwahrlosten Familie herausgelöst worden ist, konnte weder durch die Recherche unserer Reporterin noch in einer öffentlichen Sitzung des Familien-, Kinder- und Jugendausschusses der Hamburger Bürgerschaft aufgeklärt werden; die beteiligten Behörden verstecken sich hinter dem Datenschutz. Das alles geschieht übrigens unter der politischen Verantwortung der Hamburger CDU, die jetzt im Wahlkampf damit angibt, die Kriminalitätsrate in der Stadt um 25 Prozent gesenkt zu haben.

Im Falle der ostdeutschen Schläger gelang es der Polizei, die Peiniger von Susanne Leinemann nach zwölf Tagen zu fassen. Der Haftrichter hätte sie in U-Haft schicken können, aber er überließ sie zwei offenen Heimen – alle drei entkamen innerhalb von 48 Stunden, einer Erzieherin hielten sie bei der Flucht ein Messer an den Hals.

Was ist das Motiv für diese fahrlässige Schonung? Ist es ideologische Verblendung, wie sie die verstorbene Richterin Kirsten Heisig einigen Kollegen immer wieder attestierte? Vermutlich ist es eine Mischung aus Überforderung und Schlampigkeit bei der Abstimmung der Behörden untereinander. Hinzu kommt das Beharrungsvermögen jener inzwischen großen Apparate, die sich um auffällige Kinder und Jugendliche kümmern sollen und für die jedes Eingeständnis von Fehlern auch ihre Existenzberechtigung infrage stellt. Und sicher ist da die Neigung, ein im Kern gutes Erziehungsideal zum Dogma zu erheben, auch wenn Erfahrungen dagegensprechen.