Sie wurden missbraucht und geschlagen. "Gequält", sagen sie. Dennoch haben die fünf Männer, die sich an diesem Montagabend in einem Innsbrucker Innenstadtcafé treffen, ihr halbes Leben lang geschwiegen. Sie alle waren Zöglinge in der Bubenburg, einem Internat des Kapuzinerordens in Fügen im Tiroler Zillertal.

Bis in die achtziger Jahre haben sich in dem weitläufigen Barockschloss weltliche und geistliche Erzieher an ihren Schutzbefohlenen vergangen. Sexueller Missbrauch und körperliche Züchtigung waren in dem 1926 gegründeten Heim an der Tagesordnung. Wie viele Kinder im Laufe der Jahre Opfer dieses sadistischen Systems wurden, ist nicht bekannt. Jahrzehntelang drang nicht einmal ein Verdacht durch die dicken Mauern der Erziehungsanstalt. Die Opfer schwiegen. Die Täter konnten sich in Sicherheit wiegen. Doch als im vergangenen Jahr im ganzen Land die Dämme brachen und immer neue, erschütternde Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen ans Licht kamen, entschlossen sich auch die ehemaligen Zöglinge aus dem Zillertal, ihr Schweigen zu brechen. Ihre größte Hoffnung setzten sie auf die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft, eine Kommission, welche die katholische Kirche eilig ins Leben gerufen hatte, um unter Leitung der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic die schändliche Vergangenheit aufzuarbeiten. Vor allem aber sollten die Opfer endlich gehört, sollte die Mauer des Schweigens durchbrochen werden.

"Einfach war es nicht, sich zu outen", sagt einer aus der Runde, die sich alle drei bis vier Wochen in dem Café einfindet. Erwin Aschenwald sitzt am anderen Ende des Tisches und nickt. Er fährt sich mit der flachen Hand über seine Halbglatze, atmet tief durch und erzählt von dem Martyrium, das er sechs Jahre lang durchlitten hat. "Aufarbeiten können wir das nicht mehr, sondern nur noch davon erzählen und hoffen, dass es nie wieder passiert", sagt der 48-Jährige, der bis 1976 den pädagogischen Methoden des Heims "zur Erziehung armer und hilfsbedürftiger Kinder" ausgesetzt war. Er wurde geschlagen, musste vor den Augen eines Erziehers masturbieren und lebte in ständiger Angst vor drakonischer Bestrafung. "Das kann sich niemand vorstellen", sagt er. "Das Schlimmste war aber das totale Fehlen von Liebe in der Kindheit." Nein, leicht fiel es keinem der hier Versammelten, sich mit den psychischen Verwundungen der Kindheit auseinanderzusetzen. "Ich habe meine Erlebnisse aufgeschrieben, dabei ist alles wieder hochgekommen, was ich verdrängt habe", erzählt ein Mittvierziger, der im Alter von fünf Jahren in das Heim kam und elf Jahre dort verbrachte.

Vielen fällt es bis heute schwer, ihr Trauma zu bewältigen

Ein knappes Jahr nachdem die Klasnic-Kommission medienwirksam ihre Arbeit aufnahm, ist bei vielen Opfern Ernüchterung eingekehrt. Auch bei den ehemaligen Bubenburg-Schülern. Die Aufarbeitung werde in dem Gremium bewusst verschleppt, es solle das Problem für die katholische Kirche "wegadministrieren". Anstatt die Opfer zu hören, sich ihres Schicksals anzunehmen, würden sie mit ein paar Tausend Euro abgespeist. So oder so ähnlich lauten die Klagen am Tisch. "Viele von uns haben die Kindheit nicht so gut verarbeitet wie wir, die sind abgedriftet", erzählt Erwin Aschenwald, der selbst jahrelang kämpfen musste, um sein Leben in den Griff zu bekommen. Nach Abschluss der Handelsschule wechselte er immer wieder die Jobs. Mal schuftete er als Kellner, dann kam er als Schreibkraft an einem Gericht unter. Heute arbeitet er in einem karitativen Gebrauchtmöbelmarkt in Innsbruck. "Manchmal habe ich das Gefühl, es wäre der Kirche lieber, wir würden saufen und Drogen nehmen und nicht laut über unser Schicksal reden."

Die Erwartungen sowohl der Opfer als auch der Öffentlichkeit waren groß, als vor einem Jahr Kardinal Christoph Schönborn Waltraud Klasnic beauftragte, eine unabhängige Anlaufstelle für die Opfer einzurichten. Insgesamt acht namhafte Persönlichkeiten folgten ihrem Ruf, darunter der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz, der vormalige Präsident des Jugendgerichtshofs Udo Jesionek und der Psychiater Reinhard Haller. Als die Kommission ihre Arbeit aufnahm, "musste alles sehr schnell gehen", erinnert sich Waltraud Klasnic. Wohl deshalb holte sich die Expolitikerin einen langjährigen Vertrauten mit an Bord, ihren ehemaligen Pressesprecher und Biografen Herwig Hösele, mit dem sie eine PR-Agentur in Graz betreibt. Höseles Wiener PR-Agentur Public Opinion wurde mit der "Sekretariatskoordination und Öffentlichkeitsarbeit" betraut, ein Job, bei dem der Intimus den Angaben Klasnics zufolge keinen Cent verdient. Lediglich Kosten für Personal und Infrastruktur würden ihm erstattet.