Man sollte vorsichtig sein, wenn in der Wirtschaftssprache auf einmal Vergleiche zur Tierwelt gezogen werden. Meist sind die eigentlichen Argumente dann eher dünn. Kapital sei "ein scheues Reh", hieß es zur Begründung, als die Große Koalition Anfang 2009 eine Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge einführte. Hohe Steuern auf Zinsen und Dividenden würden die Anleger nur ins Ausland vertreiben. Also sei es besser, einen niedrigeren, pauschalen Steuersatz zu verlangen – eben 25 Prozent Abgeltungsteuer.

Ob dieser Zusammenhang wirklich stimmte, konnte vorab niemand wissen. Also führte die Regierung die Steuer ein und entlastete damit all jene Gut- und Besserverdienenden, die zuvor mehr zahlen mussten.

Jetzt sind die Einnahmen aus der Abgeltungsteuer um ein Drittel eingebrochen, und wieder muss ein Tier herhalten – diesmal als Begründung, warum die Steuer dennoch richtig sei. Es helfe wenig, "eine Kuh, die keine Milch mehr gibt, zweimal zu melken", sagt der FDP-Finanzexperte Volker Wissing. Was konkret heißen soll: Im vergangenen Jahr sind die Zinsen um ein Drittel gesunken – da ist es doch nur logisch, dass auch die Steuereinnahmen zurückgehen.

Mal abgesehen davon, dass jede Tiermethapher ziemlich schief sein kann: Gerade in der Krise hat sich gezeigt, dass die Abgeltungsteuer ein Irrtum war. Und deswegen sollte die Regierung diesen Irrtum korrigieren.

Auch in der Krise hat sich hierzulande die Schere zwischen den Kapital- und den Lohneinkommen weiter geöffnet. Der Staat hat die Arbeit höher besteuert als die Zinserträge, und die Ungleichheit hat sich verschärft. Wirtschaftlich gesehen, zerfasert das Land immer mehr – in wenige Reiche und viele, die niemals reich werden können. Zumal es nach Einführung der Steuer auch nicht dazu kam, dass besonders wohlhabende Bürger ihr Geld nach Deutschland zurückgeholt hätten. Das Geld blieb einfach dort, wo es immer war.

Die Abgeltungsteuer, die ja die Vermögenden entlastet, hat also nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu neuen Ungerechtigkeiten geführt.

Man mag den Finanzpolitikern der damaligen Großen Koalition zugute halten, dass sie die tatsächliche Entwicklung nach Einführung der Steuer nur abschätzen konnten. Die Steuer einzuführen war einen Versuch wert. Nun aber, da sich die Abgeltungsteuer als Irrtum erweist und viel dafür spräche, diesen Irrtum zu korrigieren, zeigt sich ein ganz anderes Problem des Politikbetriebs: Irrtümer einzugestehen ist einfach nicht vorgesehen.

Auch deswegen wird dann der Vergleich zur Tierwelt bemüht. Mit dem Verweis auf Reh und Kuh kaschiert man noch den allergrößten Bock.