Was unterscheidet eigentlich das Tunesien von gestern , aus der Zeit vor dem Sturz des Diktators Ben Ali, vom heutigen Ägypten? Nicht viel auf den ersten Blick, weshalb man meinen könnte, dass auch Ägypten jederzeit seine Revolution und womöglich eine Phase des Übergangs zur Demokratie erleben könnte. Arbeitslosigkeit und Armut nehmen hier wie dort in alarmierendem Tempo zu. Die erstarkenden sozialen Protestbewegungen , die Unterdrückung aller politischen Opposition und die bei vielen Gelegenheiten erkennbare Ermattung der großen ideologischen Narrative (einschließlich des islamistischen) – in all diesen Merkmalen gleichen sich Tunesien und Ägypten. Der Unterschied liegt vor allem im Ausmaß der Missstände. Es war das enorme Maß an wirtschaftlicher Unzufriedenheit, an Korruption und staatlicher Repression, das Tunesien zum arabischen Sonderfall machte und schließlich der Jasminrevolution ihren Weg bahnte.

Das stetige Wirtschaftswachstum der vergangenen zwanzig Jahre hat in Tunesien das Heranwachsen einer Mittelschicht begünstigt. Ihre Angehörigen sind besser ausgebildet, als es die Vertreter ihrer Klasse in Ägypten sind, und sie erwarten in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Hinsicht mehr als diese. Doch während diese neue Schicht und ihre Ansprüche wuchsen, verstärkte das Regime Ben Alis die Restriktionen. So schmerzte der Verlust der Freiheit doppelt – und so wuchs die Unzufriedenheit.

In Ägypten wirkt die Korruption als eine Art soziales Bindemittel; sie erzeugt ein Klientelsystem und auch ein gewisses Maß an Wohlstand – solange das Regime stabil bleibt. Die Korruption des Ben-Ali-Regimes in Tunesien bewirkte das Gegenteil. Einerseits bereicherte sich der herrschende Clan in unvorstellbarer Weise, andererseits war der Kreis der Begünstigten so klein, dass der gestohlene Wohlstand nur tröpfchenweise in weitere Kreise der Gesellschaft einsickerte. Wo es aber wenige Nutznießer gibt, da sind auch nur wenige Menschen bereit, die alten Verhältnisse zu stützen.

Anders als in Ägypten bekam in Tunesien auch nicht nur eine kleine politisch aktive Minderheit die Brutalität des Autoritarismus zu spüren, sondern buchstäblich jeder einzelne Bürger , der nicht selbst dem regierenden Establishment angehörte oder ihm wenigstens verbunden war. Während Ägyptens autoritäres Regime Räume des politischen Wettbewerbs und der freien Meinungsäußerung geschaffen hat und es zugleich glänzend versteht, eine nachhaltige politische Öffnung zu verhindern, duldete Ben Ali seit den achtziger Jahren keinerlei vergleichbare Freiräume. Vor allem die grobe Einschränkung der politischen Meinungsfreiheit war es, die die Menschen empörte und schließlich die Jasminrevolution entfachte.

Hinzu kommt, dass sich das tunesische Militär schon lange aus der Innenpolitik herausgehalten hat. Darum hat es keine Erfahrung damit, Volksaufstände niederzuschlagen und in Zeiten politischer Unruhen die Ordnung zu verteidigen. Die ägyptische Armee dagegen hat im Lauf von drei Jahrzehnten entsprechende Erfahrungen gesammelt. Sie dürfte in der Lage sein, Präsident Mubarak, der selbst ein ehemaliger Armeeoffizier ist, zur Not zu stützen.

Dennoch haben Tunesiens Bürger den Ägyptern zwei wichtige Lektionen erteilt. Überall können Menschen sich gegen das Joch des Autoritarismus stemmen und Korruption und selbst Gewehrkugeln trotzen – das ist die eine Lehre. Die andere ist die Erfahrung, wie schnell der Sturz eines scheinbar stabilen autoritären Regimes gehen kann. Es wäre zu einfach, nun das Anschwellen eines arabischen Demokratie-Tsunamis zu erwarten, und vereinzelte Fälle von Selbstverbrennung nach tunesischem Vorbild sind tragisch. Die Erfahrungen der tunesischen Revolution aber sollten den Ägyptern nun Inspiration und Stärke geben.