Neulich vor einem Café in Berlin musste ich an einen Satz von Martin Walser denken, einen sehr klugen Satz, der folgendermaßen lautet: "Dass man glaubt, dass andere Menschen über einen selbst nicht so denken wie man selbst über sie, davon lebt der menschliche Umgang." Mir war der Gedanke gekommen, als ich zusah, wie ein Mann vor diesem Café in seinen Wagen stieg. Der Mann war vielleicht Mitte fünfzig, hatte eine braun geröstete Gesichtsfarbe, wog gut zwei Zentner und trug einen silbernen, bodenlangen Fellmantel, wolfsähnlich. Sein Wagen war ein silbriger Geländewagen, riesig groß und vor allem: sehr hoch.

Was denkt dieser Mann, was andere Menschen denken, wenn sie sehen, wie er in sein Auto steigt? Alles an ihm scheint Wirkung erzielen zu wollen. Kann es sein, dass dieser Mann anders über sich denkt als wir über ihn? Und dass dies auch etwas mit seinem menschlichen Umgang zu tun hat?

Die Autotests aus dem ZEITmagazin © Zeit Online

Jedenfalls waren diese Gedankenspiele noch nicht lange her, als mein Testwagen vor der Tür stand, ein Audi TTS, ein sehr, sehr niederer Sportwagen , in einem schreienden Orange, für mich ausgesucht von der strengen Kollegin, die diese Rubrik betreut. Diese Kollegin ist so streng, dass sie vor einigen Wochen eine Art Leitfaden für einen gut geschriebenen Autotest an die Autoren dieser Rubrik verschickte, der vor allem ausführte, welche abgedroschenen Formulierungen und Gedanken die Redaktion nie wieder lesen möchte.

Zum Beispiel sei total verboten, darüber nachzudenken, welche Wirkung welches Auto auf Frauen habe. Als mein kleiner Testwagen vor mir stand, wollte ich sie zunächst fragen, warum sie dieses Auto für mich ausgesucht hatte, aber dann traute ich mich nicht. Jede Antwort wäre deprimierend gewesen. Meine zwei Wochen mit dem grellen Audi waren davon geprägt, dass ich mich nicht von dem Gedanken befreien konnte, was die Leute (nicht die Frauen!) von einem denken, der einen solchen Wagen fährt (der, nebenbei bemerkt, schnell ist und sich super fährt). Seither hat sich mein Blick auf die Fahrer von originellen Oldtimern verändert. Ist es nicht anstrengend, so einen Wagen zu fahren? Man fährt nicht einfach Auto. Man stellt etwas dar.

Mir fiel ein Artikel ein, in dem stand, dass Menschen in schrill gebauten Häusern berühmter Architekten stärker selbstmordgefährdet sind als Menschen in normalen Häusern. Man sollte das auch mal bei Autos untersuchen – und bei langen Wolfsmänteln.

Technische Daten

Motorbauart: 4-Zylinder-Benzinmotor
Leistung: 200 kW (272 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 5,4 s
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
CO2-Emission: 184 g/km
Durchschnittsverbrauch: 7,9 Liter
Basispreis: 46.050 Euro 

Stephan Lebert ist Reporter bei der ZEIT