Der Dekan ruft die Namen der Doktoranden auf. Der Kanzler – er trägt einen mit goldenen Litzen und Fröschen bestickten schwarzen Seidenmantel mit eckigem Kragen – verpasst ihnen mit einem Stofflappen einen zeremoniellen Schlag auf das gebeugte Haupt und spricht die Worte: "Et super te." Bei dem Lappen, der da "nun über dich" kommt, handelt es sich um den Hosenlatz des Reformators John Knox. Als Vater eines Studenten, der dieser Zeremonie beiwohnt, fühlt man sich in die Aufführung einer komischen Oper versetzt.

Doch der Ort der Handlung ist die Universität St. Andrews , Großbritanniens drittälteste Hochschule, die unlängst als Alma Mater Prinz Williams und seiner Verlobten Kate Middleton durch die Presse ging. Der Prinz bekam das 450 Jahre alte Gewebe, das Magistern und Doktoren der zu den führenden britischen Hochschulen zählenden Universität vorbehalten ist, im Juni 2005 zu spüren.

Britische Hochschulen belegen im World University Ranking die Plätze eins, vier, fünf und sechs. Sie nehmen es auf den Spitzenplätzen als Einzige mit der Übermacht US-amerikanischer Universitäten auf. Cambridge heimste 2010 einen, die Universität Manchester zwei Nobelpreise ein. Simon Jenkins, ein angesehener Kolumnist des linksliberalen Guardian, verspottet sie dennoch als "Rache der Erben mittelalterlicher Klöster für die ihnen während der Reformation zugefügten Wunden". Es gebe in Großbritannien drei Sorten Konservativer, meint er. Torys, fanatische Torys und Universitäten. Deren Motto laute: "Lasst alles beim Alten." Ihr Credo: "Wir sind perfekt." Und ihre Fürbitte: "Gebt uns mehr Geld."

Nun will die liberalkonservative Regierung weder alles beim Alten lassen noch mehr Geld ausspucken. Gegenwärtig finanziert der Staat die Unis zu 60 Prozent. Bis 2016 sollen es nur noch 40 Prozent sein. Das Parlament beschloss im Dezember eine Anhebung der Studiengebühren von gegenwärtig 3000 Pfund (3600 Euro) auf 6000 bis 9000 Pfund im Jahr. Seither sorgen vom nationalen Studentenbund angeführte Kohorten für Zoff. Sie besetzen Universitäten, liefern sich Straßenschlachten mit in martialischer Schutzausrüstung aufmarschierenden Bobbys, verunstalten Statuen britischer Nationalhelden, schlagen Schaufenster ein und schmieren wie Teenager unflätige Vokabeln auf Hauswände.

Als Teilnehmer der letzten Randale den zu einer Galavorstellung fahrenden Prinz Charles und seine Gemahlin Camilla entdeckten, attackierten sie den königlichen Rolls-Royce und schrien: "Ab mit ihren Köpfen!" Die nächste Großkundgebung ist für das Monatsende in Manchester geplant.

Das Streitgebaren der Studenten wirkt auf seine Art so bizarr wie das opernhafte Zeremoniell bei der Diplomverleihung in St. Andrews. Ihr Aufschrei hat mehr mit Ideologie als mit der Wirklichkeit zu tun. Niemand wird die Studiengebühren im Voraus oder während des Studiums entrichten müssen. Ganz im Gegenteil, wohlhabenden Eltern ist es sogar verboten, das Studium ihrer Darlings im Voraus zu finanzieren.

Die Studiengebühren werden erst nach dem Eintritt ins Berufsleben ab einem Jahreseinkommen von 25.000 Euro in kleinen Raten eingezogen, man könnte sie also als eine Art höhere Besteuerung von Akademikern betrachten. Was nach 30 Jahren nicht beglichen ist, wird abgeschrieben. Das kommt vor allem Frauen zugute, die um ihrer Kinder willen eine Zeit lang aus dem Arbeitsleben aussteigen. Meine ältere Tochter hat zehn Jahre nach Ende ihres Studiums gerade 200 Pfund abbezahlt.